Erzählen von der Liebe, Teil 2

Wie gestern bereits angekündigt, stelle ich euch heute noch drei weitere Bücher vor, in denen es auch, aber nicht ausschließlich, um die Liebe geht. Unterschiedlicher könnten die Schreibweisen und Gegenstände, von denen erzählt wird, vermutlich kaum sein, aber das macht die Zusammenstellung hoffentlich spannend für euch.

Pariser Bohème

Simone de Beauvoir ist noch immer als eine der prominentesten Denkerinnen Frankreichs bekannt. Meist wird sie dabei jedoch in einem Atemzug mit ihrem langjährigen Begleiter Jean-Paul Sartre genannt und insbesondere ihre Romane gehören nicht unbedingt zu den bekanntesten Texten der Schriftstellerin und Philosophin. Mit „Sie kam und blieb“ möchte ich de Beauvoirs ersten Roman empfehlen, der tief in der Pariser Bohème der 1930er Jahre verwurzelt ist. Im Mittelpunkt steht eine junge Schauspielerin namens Françoise, die eine ungewöhnliche Beziehung zu dem Regisseur Pierre unterhält. Françoise und Pierre lieben sich, doch ihre Bindung beruht auf einem gemeinsamen Pakt: Sie wollen absolut ehrlich zueinander sein und sich gegenseitig besonderen Respekt dadurch erweisen, dass sie nichts verschweigen und ihre Offenheit keine Tabus kennt. Dieses Wagnis, das der Liebe die Chance geben soll, sich frei und aufrichtig jeden Tag aufs Neue für den anderen zu entscheiden, führt schon bald zu Komplikationen, als Xaviere in das Leben des Paars tritt. Beide, sowohl Françoise als auch Pierre, fühlen sich zu der jungen Frau hingezogen und so wird das theoretische Grundgerüst ihrer Vereinbarung auf eine harte Probe gestellt. Dass der Roman stark autobiographisch geprägt ist, lässt sich sicher nicht von der Hand weisen, denn über die Beziehung von de Beauvoir und Sartre ist ganz ähnliches bekannt. Das macht aus dem Buch jedoch keinesfalls einen bloßen Speicher für ‚tatsächliche‘ Ereignisse, sondern transportiert die Wirklichkeit einer außergewöhnlichen Liebe in die Sphäre der Literatur.

Leidenschaft mit Tempo

Mit manchen Büchern ist es für mich so, dass es einen bestimmten Zeitpunkt, eine konkrete Lebensphase oder auch ein ideales Alter gibt, in dem man ein Buch liest und es auf ganz eigene Weise zu einem spricht. Nimmt man es dann später, wenn diese Zeit längst hinter einem liegt, wieder zur Hand, erscheint manches vielleicht unverständlich und man ist nicht sicher, ob die frühere Begeisterung immer noch anhält. Genau so ergeht es mir mit Philippe Djians ‚Kultroman‘ (ein schlimmes Wort, ich weiß) „Betty Blue – 37,2 am Morgen“. Ich habe den Roman mit Anfang 20 gelesen und es war nicht bloß das Buch der Stunde für mich, sondern eine regelrechte Offenbarung. Heute finde ich die äußerst extravagante Figur der Betty teilweise einfach nur anstrengend und ihr extremes Verhalten manchmal so daneben, dass ich nur den Kopf schütteln kann, über meine ehemalige Verehrung. Aber damit schmälere ich die Wirkung, die das Buch vor gut zehn, naja fünfzehn Jahren auf mich hatte und das ist falsch, denn ich bin überzeugt davon, dass sich auch heute noch unzählige junge Leser/innen genau hier wiederfinden können: Betty will raus und sie will alles, möglichst schnell, nein, eigentlich sofort. Sie will nicht bloß irgendwie verliebt sein, sondern sich mit Haut und Haaren hineinstürzen ins Leben, in die Liebe, in die Weite und Ferne und die Hitze eines Sommers, an dem die Tage endlos erscheinen und wenn es dann doch einmal Nacht wird, braucht es mindestens ein Feuerwerk zum Abschluss. „Betty Blue“ ist keine romantische Liebesgeschichte, sondern eine durchweg französische Roadnovel, in der mit immenser Geschwindigkeit von der Intensität einer Leidenschaft erzählt wird, wie sie nur dann entstehen kann, wenn zwei Menschen ganz und gar im Augenblick aufgehen können.

Eine Wissenschaft der Liebe

In meiner letzten Empfehlung für heute geht es auf den ersten Blick weitaus gediegener zu – auch wenn es unter der Oberfläche durchaus brodelt. Es ist Per Olov Enquists Roman „Das Buch von Blanche und Marie“, der die Geschichten zweier ganz besonderer Frauen der Zeit um 1900 erzählt: Die Entdeckerin des Radiums, Marie Curie, und Blanche Wittman, Patientin des Nervenarztes Professor Charcot an der Pariser Salpêtrière repräsentieren auf den ersten Blick absolute Gegensätze: Marie Curie steht für die ‚kalte‘ Vernunft der Wissenschaft, in der sie ganz außergewöhnliches leistet, wofür sie weiterhin als weibliche Pionierin gefeiert wird. Blanche Wittman hingegen erscheint als die klassische Hysterikerin, deren Gebärmutter zu dominieren scheint, was Blanche zu fühlen und zu erleben vorgibt, wenn sie sich auf der Bühne der Wissenschaft vor den Augen einer männlichen Ärzteschaft – im doppelten Wortsinn – entblößt. Beide Frauen sind Extrempole von Zuschreibungen und Stereotypen des Weiblichen, die das 19. Jahrhundert auf die Spitze getrieben hat. Enquits Roman gibt sich jedoch längst nicht mit einer solch einseitigen Betrachtungsweise zufrieden. Denn die vermeintlich irrationale Blanche wird nach dem Tod von Charcot zur Assistentin Marie Curies und sogar selbst zur Autorin, die ein Buch über die Liebe verfasst, in dem es wiederum um die Sehnsüchte und Leidenschaften Marie Curies geht, wodurch auch die Wissenschaftlerin in einem ganz anderen Licht erscheint. „Das Buch von Blanche und Marie“ ist ein absolutes Lieblingsbuch und während ich darüber nachdenke und schreibe, wie gut es mir einst gefallen hat, weiß ich jetzt schon, dass es gleich nicht wieder ins Regal, sondern auf dem Stapel mit den Büchern landen wird, die ich unbedingt ein weiteres Mal lesen möchte.

Ich hoffe, dass ich mit den heutigen Ideen euer Interesse wecken konnte, freue mich sehr über eure Leseerfahrungen und immer auch über Anregungen und Tipps für frische Bücher!
Eure Simone

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