Werden, wer sie ist

Siri Hustvedts autobiographisch geprägter Roman „Damals“ nimmt seine Leser/innen mit ins wilde New York des Jahres 1979

(WERBUNG, da Rezensionsexemplar vom Verlag)

Die Frau, die wir hier sprechen hören, gibt es nicht. Es gibt nur Teile von ihr, die sich in bestimmten Lebensphasen befinden, sich zeitweilig in Situationen verlieren, die aber stets immer weiter danach streben, das zu werden, was Siri Hustvedt längst ist: Eine international bekannte Schriftstellerin, die einst von der Provinz nach New York zog, um dort an ihrem ersten Roman zu arbeiten. „Damals“ ist ein autobiographisch eingefärbter Roman, dessen Protagonistin Siri, in ihren Zwanzigern Minnesota genannt, sich gemeinsam mit einer Gruppe aus Künstlerinnen und Intellektuellen durchschlägt, um aus all ihren Einfällen und Ideen, prägenden Leseerfahrungen und philosophischen Diskussionen so etwas wie ein Werk entstehen zu lassen, durch das die junge Frau aus der Provinz eine schreibende Kosmopolitin zu werden hofft. Hustvedt erinnert sich mit Hilfe von Tagebuchaufzeichnungen zurück an diesen so prägenden Lebensabschnitt, denn mittlerweile sind beinahe vier Jahrzehnte vergangen und die amerikanische Gegenwart wird dominiert von einem wütenden alten Mann, dessen aggressiver Grundton auf die politische und alltägliche Frustration amerikanischer Bürger  reagiert.

Dieser eine Moment…

Siri schreibt an einem Roman, dessen Hauptfiguren Ian und Isadora sich als Detektivfiguren versuchen, genau wie die Jahrzehnte später schreibende Autorin sich auf Spurensuche in die eigene Vergangenheit begibt. Dabei stößt sie auf Romananfänge, unvollendete Ideen und auf viele Menschen, die nur abschnittsweise eine Rolle in ihrem Leben gespielt haben, die deswegen aber keinesfalls unwichtig gewesen wären. Ganz im Gegenteil: Auch bis heute währende Freundschaften sind zu dieser Zeit entstanden und ausgerechnet die kurze Begegnung mit einem Fremden wird zu einem Wendepunkt für Siris Leben und somit auch für dieses Buch. Auf einer Party lernt sie einen jungen Mann kennen, der Siri anfangs gut gefällt, und den sie zumindest so attraktiv und sympathisch findet, dass sie mit ihm gemeinsam zu einer anderen Party weiterzieht, wo sie außer dem jungen Mann sonst niemanden kennt. Schon bald beginnt die Situation sich drastisch zu verändern und die vormals kurz empfundene Anziehung zwischen Siri und dem Mann kippt um ins Gegenteil. Sie will jetzt eigentlich nur noch allein nach Hause, doch ihr Begleiter hat andere Pläne und es gibt ihn, diesen einen, auch Jahre später noch klar zu identifizierenden Moment, in dem sich alles verändert. Siri verhält sich so, wie es die gesellschaftlichen Konventionen, mit denen sie aufgewachsen ist, von einer anständigen jungen Dame erwarten, aber genau das wird ihr eine Lehre sein und hier wendet sich das Blatt, denn nach dieser Nacht wird aus Minnesota eine andere.

In „Damals“ geht es gleichzeitig um die Entwicklung als Frau wie um das Werden einer Schriftstellerin, denn Leben und Werk sind bei Hustvedt zwar nicht unbedingt ein und dasselbe, aber dennoch untrennbar miteinander verbunden. Das, was sie gemeinsam mit ihren Freunden auf Partys, in Museen und Bibliotheken erlebt, bildet die Grundlage für das eigene Schreiben, denn die Lebensthemen von Siri Hustvedt sind auch die ihrer literarischen Figuren. Aus zahlreichen anderen Romanfiguren und der Kunstwelt New Yorks sowie identitätsphilosophischen Einflüssen entsteht ein Künstlerroman, der ganz bewusst ein weibliches Intellektuellentum in den Mittelpunkt rückt. Und dennoch: Wer über Hustvedt nachdenkt, umkreist damit auch ihren Ehemann Paul Auster und auch, wenn ich es normalerweise unpassend finde, ihn stets in einem Atemzug mit seiner Frau zu nennen, so sollte man hier womöglich eine Ausnahme machen. Denn bevor Auster sein Opus Magnum „4321“ veröffentlicht hat, schrieb auch er zwei Bücher, die einmal die Geschichte seines Denkens und Schreibens und ein andermal die Geschichte seines Körpers erzählen. Zwischen diesen beiden Büchern und Hustvedts „Damals“ gibt es äußerst interessante Parallelen, denn die Schreibenden befassen sich beide mit der Wiedererschaffung ihrer eigenen Biographie, tun dies aber in dem sicheren Bewusstsein, dass die häufig angenommene Trennschärfe zwischen Realität und Fiktion keineswegs strikt ist.

Große Fragen

Wer sind wir überhaupt, wenn wir uns an uns erinnern und wie gelangen wir Jahrzehnte später an ein halbwegs verlässliches Bild unserer selbst? Waren wir das, was wir zu sein glaubten, oder sollten wir uns lieber nicht zu sehr auf die eigene Einschätzung verlassen, sondern eher den anderen zuhören, die sich an uns erinnern? Doch wer wäre Siri Hustvedt, in den Augen eines Mannes, der sie nur für ein paar Stunden kannte, Stunden, die sie nie vergessen hat, und die er womöglich schon am nächsten Tag aus seinem Gedächtnis gestrichen hat? Hustvedts Roman ist ein Buch für alle, die sich mit der Frage nach dem eigenen Werden und den großen Wendepunkten des Lebens befassen möchten, die es auszumachen gilt, wenn man Bilanz zieht. Wie man wurde, wer man ist, und wie man die Ungewissheit über die Letztgültigkeit dieser Antwort aushält, davon erzählt Siri Hustvedt in vertraut gekonnter Manier. Sicher kreist sie dabei unentwegt um sich selbst und das muss man manchmal schon mögen. Wer Hustvedt aber bereits kennt und einen Roman lesen möchte, der eng verwoben ist mit den Straßen New Yorks, als es noch schmutzig, manchmal gefährlich und vor allem sehr, sehr aufregend gewesen sein muss, dem/der sei „Damals“ absolut empfohlen.

Siri Hustvedt: Damals. Roman. Mit Zeichnungen der Autorin.
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2019.
ISBN: 978 3 498 03041 4, Preis: 24,00 Euro.

Verlagswebseite der Autorin: Siri Hustvedt bei rowohlt


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