Ein Mittwoch, oder: zwischen Bratkartoffeln und Beckenboden

Der Morgen beginnt mit einem Schreck: Als ich meinen unter dem kleinen Sohn drapierten linken Arm langsam hervorziehe und zur Uhr greife, stelle ich fest, dass es bereits eine Stunde später ist, als es sein sollte. Und das ausgerechnet heute, denn an allen anderen Tagen hat der große Sohn erst zur zweiten Stunde Schule, nur muss er jetzt in genau zwölf Minuten das Haus verlassen. Dumm nur, dass ich mich immer noch nicht wirklich bewegen kann, denn meine komplette linke Körperhälfte fühlt sich ziemlich lädiert an, die Schulter seltsam verdreht, aber das Köpfchen des 13-Kilo-Kleinkindes ist auch alles andere als ein Leichtgewicht. Doch da höre ich es von unten rumpeln und mir wird schlagartig klar, dass ich zwar verschlafen habe, dass aber Jan ja wieder da ist und mich netterweise einfach hat liegen lassen, denn die Nacht war schaurig und voller Unterbrechungen. Da kommt der große Sohn auch schon durch die Tür spaziert, ist angezogen, hat gefrühstückt und ich kann mich dann doch nochmal ans Dehnen und Strecken begeben, um auch den Rest meines Körpers in den Wachzustand zurückzuholen. Der kleine Sohn schläft derweil noch tief und fest und auch die jetzt eingelassene Helligkeit ignoriert er komplett, denn wer nachts nicht schläft, ist morgens halt müde.

Wir stehen nun aber doch mal auf und werden mit dem Anblick eines Baggers belohnt, der in bedrohlicher Nähe des Küchenfensters große Dinge aus Stahl vorbeischweben lässt. Der kleine Sohn ist fasziniert und ruft abwechselnd „Boah“ und „Bagger“, während ich die Pausen zwischen all der Poesie nutze, um ihm seinen Schmierkäsetoast schmackhaft zu machen. Eine halbe Stunde später sind dann alle noch nicht Losgekommenen ausgehfertig und ich verabschiede die Kleinen an der Haustür, da Jan heute die Kinder wegbringt. Für mich gibt es also den zweiten Kaffee ganz in Ruhe – dachte ich, denn da klingeln schon die Heizungsmonteure, die sich zur jährlichen Wartung angekündigt haben. Viel schlimmer ist aber, dass die uns seit vielen Wochen vertrauten Bauarbeiter da draußen heute wieder ihre unangenehmen Kollegen aus der Klischeeschublade dazu geladen haben, von denen einer so laut und bescheuert lacht, dass ich sofort beschließe, den Laptop und mich umziehen zu lassen, denn ich kann einfach nicht gut weghören. Also ab ins Wohnzimmer und es kann losgehen: Geburt ist heute das Thema und ich schreibe endlich mal wieder um die drei Seiten, mit denen ich auch zwei Stunden später noch zufrieden bin. Anschließend beantworte ich noch ein paar Mails, aber insgesamt ist es im Postfach derzeit eher ruhig, was ich sehr angenehm finde. Die Monteure sind längst weg und den gackernden Gelsenwassermann hat wohl auch ein kluger Kopf jetzt mal Brötchen holen geschickt, sodass ich schnell die Küche aufräume, Wäsche anschmeiße und dann müssen wir los. Ein Auto anschauen, das vielleicht infrage kommt, denn künftig brauchen wir ja noch einen Sitz mehr. Leider ist das angepeilte Modell dann doch zu klein und wir müssen weiter suchen…

Auf dem Rückweg vom Autohändler gönnen wir uns Cupcakes statt eines Mittagessens und ich koche Kartoffeln vor, da es heute Abend Bratkartoffeln geben soll. Wenn Jan und ich beide zur Abendessenszeit zu Hause sind, versuche ich meist ‚richtig‘ zu kochen, denn an allen anderen Tagen gibt es bei uns aus Zeitmangel (und totaler Unlust bei Gechwisterstreitigkeiten groß zu kochen) eigentlich immer Nudeln oder Würstchen in unterschiedlichen Abwandlungen. Normales Abendbrot finden unsere Kinder nämlich leider nicht so doll. Jetzt habe ich noch eine knappe Stunde Zeit und verschwinde in den Keller, um endlich meine dritte Großbaustelle – neben dem Garten und dem Dachboden – in Angriff zu nehmen: die Kinderklamottenkisten, die ich sortieren und ordnen möchte, denn bald steht ein Flohmarkt an und die Erstlingssachen für unser Baby werde ich bei der Gelegenheit natürlich auch schonmal in Augenschein nehmen. Dummerweise übertreibe ich es hier wohl ein wenig mit dem Um- und Aufräumen, denn als ich mich die Kellertreppe wieder hochschleppe, macht der Beckenboden sehr deutlich auf sich aufmerksam und das wird auch den Rest des Tages so bleiben… Doch erstmal stehen jetzt Jan und die Kleinen vor der Tür. Beide sind ganz gut drauf, waren heute viel draußen und bekommen jetzt erstmal einen Nachmittagssnack, bevor ich mit der Tochter eine aufgehobene Pappschachtel zum Osterbild umfunktioniere, während Jan mit dem kleinen Sohn Ball spielt – oder auch Stepptanz übt, das könnte eine Etage drunter kaum lauter sein. Der große Sohn kommt ebenfalls mit guter Laune nach Hause und man spürt so deutlich, dass auch er heute lange und viel draußen war, das tut allen nach dem Dauerregen sowas von gut! Als wir mit dem Bild fertig sind, mache ich mich an die Bratkartoffeln und die restlichen Vorbereitungen fürs Abendessen und muss mich zwischendurch tatsächlich immer mal wieder hinsetzen, denn es zieht, drückt und schmerzt ein wenig, sodass ich mir fest vornehme, es morgen etwas langsamer angehen zu lassen und beispielsweise auch wieder eine richtige Mittagspause einzulegen, denn das tat letzte Woche immer sehr gut. Das Essen schmeckt allen und endlich isst auch der kleine Sohn mal wieder richtig mit – in den letzten Tagen mit Erkältung fand er nämlich Milch wieder viel besser als feste Nahrung. Die Kinder gucken noch eine kurze Runde Fernsehen und schlafen dank der vielen frischen Luft heute auch gut und verhältnismäßig früh ein. Ich verbringe den Rest des Abends jetzt mit Ottessa Moshfegs Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“, das mir auf den ersten fünfzig Seiten außerordentlich gut gefällt.

Gute Nacht und lest mal wieder rein.

Eure Simone

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