Schaff‘ ich das (nochmal)?

Jana Friedrichs Buch „Jede Geburt ist einzigartig. 50 Geschichten über die elementarste Erfahrung des Lebens“ ist ein Glücksfall für alle schwangeren Frauen

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

Manchmal gibt es Bücher, die einem genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hände fallen. Man liest sich sofort in ihnen fest, weil sie Antworten auf Fragen geben, die man selbst vielleicht noch nicht einmal genau formulieren konnte. Das Buch der Berliner Hebamme Jana Friedrich „Jede Geburt ist einzigartig. 50 Geschichten über die elementarste Erfahrung des Lebens“ ist genau so ein Glücksfall und ich möchte es gar nicht erst Ratgeber nennen, denn dieses Werk ist viel mehr ein Begleiter durch die Schwangerschaft, den ich jeder interessierten Frau (und ihren Partnern) empfehlen würde. Dabei ist ganz egal, ob man zum ersten Mal schwanger ist oder wie ich derzeit mit dem vierten Kind, denn Geburt ist stets einzigartig und Geschichten über Geburt sind immer wieder aufs Neue faszinierend. Von diesen Geburtsgeschichten versammelt das insgesamt 400 Seiten starke Buch stolze fünfzig, die, so verrät es bereits das Inhaltsverzeichnis, in unterschiedliche Arten von Geburt eingeteilt sind. Das ist eine sehr sinnvolle Vorgehensweise, denn vielleicht möchte ja so manche Schwangere gerade gar nichts über Kaiserschnitte lesen, sich aber womöglich konkret über eine Beckenendlage informieren oder einen der wunderbar zuversichtlich stimmenden Beiträge über Spontangeburten lesen. Man kann „Jede Geburt ist einzigartig“ somit also durchaus als Nachschlagewerk bei konkreten Fragen nutzen, sich aber auch einfach durch die verschiedenen Geburtsberichte schmökern, ganz so, wie man es gerade lesen möchte. Der Ton der Geburtsberichte ist kein einheitlicher und genau wie die werdenden Mütter und Väter individuell von ihren Erlebnissen berichten, so zeichnet Friedrich diese hier für ihre Leser/innen auf. Dabei ist alles auf die wesentlichen Etappen eines Geburtsvorgangs konzentriert, denn anders lässt sich die Fülle von so vielen Berichten schwerlich bündeln. Wie bereits in den Geburtsberichten auf ihrem Blog www.hebammenblog.de, den Friedrich schon seit vielen Jahren betreibt, werden die Schilderungen der Gebärenden jedoch nicht kommentarlos wiedergegeben, sondern es gibt immer wieder Einschübe, Erläuterungen und Einschätzungen der Autorin, die Geburt auch für Nicht-Fachleute verständlich machen. Denn genau darum geht es im Kern dieses Buches auch: Geburt soll ein stückweit entmystifiziert werden, was jedoch nicht heißt, dass der besondere Zauber von Geburt hier nicht präsent wäre, im Gegenteil.

Auf Geburt einlassen, weil man versteht, was vor sich geht

Jana Friedrich vertritt ebenso wie Nora Imlau, die das Vorwort zum Buch beigesteuert hat, die Auffassung, dass es sehr sinnvoll ist, sich mit Geburten vorbreitend auseinanderzusetzen und sich gerade deswegen auch auf den Gedanken einzulassen, dass unter der Geburt ganz häufig vieles möglich ist, was sich zuvor undenkbar, seltsam oder schlicht unmöglich angefühlt hat, denn im Prozess des Gebärens wachsen Frauen über sich hinaus. Das heißt aber gerade nicht, dass sich Frauen in den Wehen in rasende Hysterikerinnen verwandeln, die nicht mehr zurechnungsfähig wären, sondern auch die gebärende Frau bleibt, wer sie ist – allerdings in einer Situation, die viele Frauen als extrem bezeichnen würden, wobei auf die nicht selten durchaus enorme Kraftaufwendung unter der Geburt ein extremes Glücksgefühl und grenzenlose Euphorie folgen. Dass das alles, auch das, was ich hier zusammenfassen möchte, jedoch nur Teile möglicher Geburtserfahrungen sind, betont Friedrich immer wieder, denn es kommt ihr auch darauf an zu zeigen, dass Kinderkriegen niemals ein standardisierter Prozess ist und als solcher auch nicht behandelt werden sollte, denn Empfindungen sind so individuell wie die Kinder, die an den unterschiedlichsten Orten das Licht der Welt erblicken.

Was sind eigentlich Wehen tatsächlich und wie gehe ich mit ihnen um?

Die Geburtsberichte, die ich mit großem Interesse gelesen habe, werden begleitet von den Geburtsfotografien der Familien- und Geburtsfotografin Josephine Neubert, die sehr ästhetisch zu zeigen vermögen, welche Kraft Geburt in Gang setzt, wobei die Fotografien teils ungewohnte Blickwinkel auf Geburt eröffnen. Frühgeburten, Mehrlingsgeburten, der Umgang mit Geschwisterkindern vor und während der Geburt sind inhaltliche Themen, aber auch die besonderen Geburten behinderter Kinder und stille Geburten, sodass das Buch für eine sehr breite Leserschaft informativ sein dürfte. Auf diesen ersten Teil folgt zudem noch ein zweiter, der zusammenfasst, was in der Geburtsvorbereitung aus Sicht schwangerer Frauen wichtig erscheint. So zum Beispiel: Was sind eigentlich Wehen genau und wie kann man sich tatsächlich darauf vorbereiten, mit ihnen umzugehen? Dies ist sicher eine der zentralen Fragen, die sich vielen Frauen vor der Geburt stellt, und die Antworten von Friedrich sind immens kostbar. Versprochen wird dabei überhaupt nichts, denn es geht ja gerade nicht darum, die EINE und damit richtige Art von Geburt zu propagieren, sondern es geht um die Darstellung von Vielfalt und das Aufzeigen von Möglichkeiten, die Frauen während einer selbstbestimmten Geburt haben sollten – selbstverständlich auch dann, wenn eine Frau sich bewusst für einen Kaiserschnitt entscheidet, denn daran ist überhaupt nichts zweitklassig. Und überhaupt: Geburt ist kein Wettbewerb und auch keine zu bestehende Prüfung auf dem Weg zur Mutterschaft, sondern im Idealfall ist Geburt das Hervorbringen eines neuen Menschenlebens durch die Kraft eines Ereignisses, das unzählige Mütter nicht umsonst als überwältigend, und zwar überwältigend schön, bezeichnen!

Von Geburt erzählen

Auch darum geht es Jana Friedrich in ihrem Buch: Geburtsgeschichten sollen, wollen und müssen erzählt werden und zwar ganz besonders auch die guten, die positiven Erfahrungen, damit sich unser aller Bild von Geburt umformt und keine/r mehr denkt, dass Geburten wild kreischend in Rückenlage stattzufinden haben. Verschwiegen werden darf die andere Seite von Geburt deswegen aber keinesfalls, denn nach wie vor erleben viele Frauen Geburten auch als traumatisch, gewaltvoll oder fremdbestimmt. Um solch einer Erfahrung möglichst vorzubeugen, gibt es ganz am Ende des Buches noch die konkrete Möglichkeit, sich darüber zu informieren, was ein Geburtsplan alles beinhalten sollte und einen „fiktiven Musterplan“, der als Vorlage dienen kann. Zudem stellt Friedrich auch noch einen kleinen Fragenkatalog zusammen, der Schwangere bei der Geburtsplanung im Krankenhaus/im Geburtshaus und/oder mit der Hebamme dabei unterstützen soll, vorab die wichtigsten Dinge zu klären.

„Jede Geburt ist einzigartig“ ist ein wirklich wertvoller Beitrag, weil ich mir sicher bin, dass so manche Denkanregung, Hintergrundinformation oder auch die zahlreichen Praxisbeispiele Frauen dabei unterstützen werden herauszufinden, was für eine Geburt sie sich tatsächlich wünschen, aber auch, wie man damit umgehen kann, wenn sich andere Bedingungen aus (den) anderen Umständen ergeben. Ich werde mich ganz sicher an nicht nur einen prägenden Satz zurückerinnern, wenn ich in ein paar Wochen hoffentlich Schritt für Schritt nochmal erleben werde, was Geburt zu sein vermag.

Jana Friedrich: Jede Geburt ist einzigartig. 50 Geschichten über die elementarste Erfahrung des Lebens. Mit Geburtsfotografien von Josephine Neubert.

mvg Verlag: München 2019.

ISBN: 978-3-86882-992-1.

Preis: 29,99 Euro.

Hier kann man eine Leseprobe einsehen und das Buch auch direkt beim Verlag bestellen.

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