Dazwischen die Welt

Ich liege in meinem Bett und kann mich nicht lösen. Denn mir gegenüber, so nah, dass ich ihren ganz leisen Atem höre, liegt unsere Tochter. Wenn ich an mir hinunterschaue, dann sehe ich zwar, dass das, was ich vierzig Wochen und sechs Tage vor mir hergetragen habe, nun nicht mehr in meinem Bauch ist, doch fassen kann ich es deswegen noch lange nicht. Die letzten Wochen dieser Schwangerschaft waren eine große Herausforderung für mich, denn mein Körper war müde und angestrengt, während mein Kopf sich ständig zwischen Ungeduld, Sorge und Vorfreude bewegte. Auch für Jan und die anderen Kinder war das nicht leicht, denn die eigentlich ja ganz wunderbare Unberechenbarkeit von Geburt wird mit der Frage nach Geschwisterbetreuung, einem nicht ganz kurzen Anfahrtsweg zum Krankenhaus und der Erfahrung, dass lange Wehenabstände nicht unbedingt bedeuten, dass man tatsächlich auch noch viel Zeit hat, zu einer Herausforderung, die nicht immer einfach war. Und obwohl dies für mich das vierte Mal gewesen ist, war ich mir keineswegs stets sicher, mögliche ‚Vorzeichen‘ auch immer richtig einzuschätzen.

Doch irgendwann kam er dann endlich: Dieser eine Morgen, an dem man aufwacht, und sich alles ein ganz klein wenig anders anfühlt als an allen Tagen zuvor, so als hätte sich irgendein noch namenloses Empfinden leicht verschoben. Das Ziehen im Rücken ist einen Hauch rhythmischer und hält länger an und plötzlich formuliert sich wie von selbst der Satz: Heute ist Geburt. Die Kinder waren gut versorgt und wir konnten die halbstündige Autofahrt zum Krankenhaus seelenruhig hinter uns bringen und erst als wir dann tatsächlich in einen Kreißsaal gebracht wurden, meine Beleghebamme dazukam und mir bei dem Geruch der Brokkolipasta, die es zu Mittag gab, wirklich übel wurde, da überfiel es mich und wurde ganz laut statt leise: „HEUTE IST GEBURT! An diesem Tag, gleich heute, jetzt und hier wird unsere Tochter zur Welt kommen und uns trennen ‚nur‘ noch ein paar Stunden Wehen.“

Und jetzt liegt sie da, so einfach und selbstverständlich, mit hochgereckten Ärmchen und ganz entspannten Gesichtszügen, so als hätte sie nie etwas anderes getan als zu atmen, lautstark nach Milch zu verlangen und fünf andere Menschen vom ersten Moment an vollkommen für sich einzunehmen. Ein Mensch mehr in diesem Haus und allen Vorüberlegungen zum Trotz trifft es mich und uns auch dieses Mal so unmittelbar, weil es kein dieses Mal gibt, wenn es um Geburt geht.

Um 15:15 sagte unsere Hebamme, dass unser Kind noch vor 16 Uhr da sein würde. Glauben konnten wir das nicht. Aber gesehen haben wir sie dann, als sie, von einem Urschrei begleitet, auf meine Brust gelegt wurde. Da war es 15:57.

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