Regengeräusche, oder: Über Gemütlichkeit

Es regnete. So – oder ganz ähnlich – beginnen unzählige Romane. Aber das hier ist kein Roman, ich lese noch nicht einmal einen, sondern sitze mit meiner kleinen Tochter auf dem Sessel im Wohnzimmer, daneben der große Sohn, der sein neuestes Lustiges Taschenbuch verschlingt. Die Tochter hat gerade gegessen und schaut satt und zufrieden aus dem Fenster, gegen das der Regen tropft. Es ist erst August, die Sommerferien dauern noch knappe zwei Wochen, doch der Herbst nähert sich langsam. In den Nächten ist es angenehm kühl, ich habe die ersten rot verfärbten Blätter entdeckt und kann es eigentlich kaum erwarten, denn der Herbst ist meine liebste Jahreszeit.

Im Frühling herrscht meist Aufbruchsstimmung und im Sommer ist man dann hoffentlich draußen angekommen, verbringt lange Tage und kurze Nächte und im Winter ist es umgekehrt. Man zieht sich nach drinnen zurück, freut sich auf 15 Grad an Weihnachten und packt die Schneeschuhe um Karneval herum aus, dann nämlich, wenn man eigentlich schon gar keine Lust mehr hat auf dicke Pullis und Heizungsluft. Im Herbst hingegen ist alles möglich, noch nichts ganz abgeschlossen und entschieden, denn der Herbst ist eine Jahreszeit dazwischen. Im goldenen Oktober draußen sein, abends dann aber schon unter der Wolldecke dicke Bücher lesen, dazu passt Rotwein. Oder zum x-ten Mal die „Gilmore Girls“ anschauen, weil es keine zweite Serie gibt, die besser zum Herbst passt, denn auch in Stars Hollow ist alles so wahnsinnig gemütlich. Draußen wird es früher dunkel, man kann Stiefel, Strumpfhosen und Cord tragen, die Kinder basteln Laternen, singen sehr laut irgendwas mit Rabimmelrabammel und Waldspaziergänge sind jetzt auch am besten. Wir haben die Taschen voller Kastanien und Eicheln, die wir größtenteils nicht verbasteln, sondern die auf rätselhafte Weise verschwinden, bis ich sie dann im Dezember halb verschimmelt unter der Couch hervorziehe. Morgens gibt es für alle etwas Warmes zu trinken, ich überlege im Wollladen, was ich alles stricken könnte, wenn ich es denn nur richtig gut könnte, und schaffe dann doch höchstens 1-2 krumme Schals in Lieblingsfarben wie Curry, Bordeaux oder Lila. Mittags kann man manchmal noch draußen Kuchen essen, am liebsten mit Äpfeln und Nuss, oder auch Kürbissuppe, Tarte, Quiche oder Zwiebelkuchen, den sogar besonders gern. Baden ist jetzt eine gute Idee (Allgäuer Latschenkiefer!), Kino sowieso und die Freibäder haben endlich geschlossen, sodass ich ein weniger schlechtes Gewissen haben muss, dass ich – trotz und gleichzeitig wegen der Kinder – nicht gern hingehe.

Denn der Sommer ist auch oft fordernd – schönes Wetter muss man schließlich ausnutzen, usw. Im Herbst muss man gar nichts und kann ganze Tage im Schlafanzug vertrödeln, sonntagmorgens Kinderfernsehen anmachen, damit die Eltern noch eine Stunde länger liegen bleiben können, oder einfach mal darüber nachdenken wollen, was Gemütlichkeit tatsächlich ausmacht… Warme, möglichst dicke Bettdecken sind da unverzichtbar, bequeme Schlabberbuxen, warmes Brot und das Geräusch von klapperndem Geschirr aus der Küche, während man selbst mit geschlossenen Augen daliegt und nichts sieht, nur hört.

Ich überlege manchmal, ob meine Kinder die Dinge ähnlich erleben, wie Jan oder ich es tun, oder wie wir es taten, als wir Kinder waren. Und ich glaube, dass Gemütlichkeit sicher das ist, was ich am meisten mit einem guten, weil geborgenen Zuhause verbinde. Das sowieso dann am allergemütlichsten ist, wenn man mal kurz weg war und man dann abgeholt wurde – meist vom Vater, der – immer pünktlich, meist sogar zu früh – schon auf mich wartete, während meine Mutter irgendwas mit Soße kochte. Und falls Du das jetzt zufällig liest, liebe Mutter: Danke für die Gemütlichkeit und Du könntest gern mal wieder für mich kochen.

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