Von hilflosen Prinzessinnen, hässlichen alten Frauen und Helden ohne Furcht und Tadel. Warum wir TROTZDEM Märchen lesen.

(Enthält Werbung, da ein Rezensionsexemplar vorgestellt wird.)

Märchen sind oft grausam und erzählen Geschichten, aus denen man besser keine Lehren ziehen sollte. Denn wer will schon hübsch, aber hilflos sein, und das einzige Lebensglück darin finden, errettet zu werden und zu heiraten? Nein, das sollte man gewiss nicht wollen, und so sind weder die Menschenbilder noch die Lebensweisheiten, die in Märchen transportiert werden, etwas, das ich meinen Kindern weitergeben möchte. Im Gegenteil: Wir versuchen ja gerade, sie ohne Schranken im Kopf zu erziehen und wollen auf keinen Fall, dass sie daran glauben, dass nur das ewig Weiße das Gute ist und dass alles, was anders und fremd ist, automatisch schlecht oder bedrohlich ist. Denn so funktionieren Märchen: Sie teilen die Welt ein in Extreme, in Gegensätzlichkeiten und meist gibt es keine Graustufen und kein Dazwischen, sodass manche Märchen ganz bewusst die Angst vor Strafen und vor denen ‚jenseits der Grenze‘ schüren und dabei mit Rollenklischees arbeiten, die wahrlich nicht bewahrt werden sollten.

Beispielsweise den „Struwwelpeter“ und „Max und Moritz“ haben wir daher längst aus unserem Vorlese-Repertoire verbannt, denn was dort geschieht, hat den Kindern Angst gemacht und natürlich zwinge ich sie nicht durch eine Geschichte. Aber ab und zu lesen wir eines der von den Brüdern Grimm aufgezeichneten Märchen oder wir greifen auf die älteren Fassungen von Charles Perrault zurück. Während einige der Grimm-Klassiker wie „Rapunzel“ (das übrigens im Original aus dem Italienischen stammt) oder „Dornröschen“ bei den Kindern sehr beliebt sind, mag ich auch die Märchen von H.C. Andersen ausgesprochen gerne, ganz besonders die Geschichte von Gerda und Kay in „Die Schneekönigin“, die unlängst in einer wunderschönen kleinen Schmuckausgabe im Thorbecke Verlag neu herausgegeben wurde.

Warum Märchen lesen?

Die Schneekönigin, die weitaus grausamer ist als ihre Disney-Nachfolgerin Elsa, würde ich zwar noch keinem Kindergartenkind vorlesen, aber unserem großen Sohn durchaus. Doch warum lesen wir Märchen, wenn es doch so viel fortschrittlichere Kinderliteratur gibt? Das hat gleich mehrere Gründe und der erste ist die Tradition, aus der Märchen kommen. Denn nicht die Brüder Grimm haben sich die Kinder- und Hausmärchen ausgedacht, sondern sie haben gesammelt und aufgeschrieben, was auch zu ihrer Zeit schon Kulturgut war. Märchen gibt es in ganz unterschiedlicher Form in allen (?) Kulturen und sie geben Auskunft darüber, wie diese Kulturen funktionieren, was sie im Innersten ausmacht, wonach sie streben und was sie ablehnen. Märchen wurden nicht erdacht und fixiert, sondern überliefert, d.h. sie wurden mündlich weitergegeben, wurden ersonnen, weitergesponnen und immer und immer wieder erzählt, bis einer sie auffing und aufschrieb. Sie veränderten sich dabei stets ein klein wenig und u.a. sind so auch die verschiedenen Fassungen bestimmter Märchenstoffe zu erklären. Märchen geben Auskunft darüber, wie sich Menschen in unserer Vergangenheit die Welt erklärt haben und das ist etwas, was heute spannender denn je ist, denn Wahrheit scheint unlängst wieder zu einem sehr unsicheren Begriff geworden zu sein.

Unvergessliche Erzählungen

Märchen erzählen also nicht nur Märchen, sondern transportieren die Hoffnungen und Ideale, die Ängste und Befürchtungen einer Kultur zu einer bestimmten Zeit und das ist für mich ein sehr guter Grund, um meine Kinder an sie heranzuführen. Manchmal sprechen wir nach dem Vorlesen noch lange über das, was wir da gehört haben, und mir ist ganz wichtig, dass keine ‚falsche‘ Botschaft im Sinne von: Du musst so oder so sein, bei den Kindern hängen bleibt. Doch manchmal, da schweigen wir auch und lassen einfach erstmal wirken, was wir gelesen haben, denn ein weiterer Grund, warum ich Märchen vorlese, ist, dass sie einfach unvergesslich sind. Sie gehören zu den frühesten phantastischen Erzählungen, die viele Kinder kennenlernen, und so sind bestimmte Situationen, Wörter (‚Herzensangst‘ ist für mich ein solches) oder Figuren immerwährende Begleiter, an die wir uns ab und an erinnern.

Uschi Glas und das „Schneewittchen“

Zum Schluss noch eine kurze Anekdote: Im Bücherregal meiner Oma standen über hundert selbst aufgenommene VHS-Kassetten mit den Filmen von Roy Black, Uschi Glas und Theo Lingen, und es standen dort genau zwei Bücher: Die Bibel und eine in Leinen gebundene Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen nach Grimm. Jedes Mal, wenn ich meine Oma besuchte, vergewisserte ich mich, dass das Buch noch an seinem Platz war und später blätterte ich darin. Denn es enthielt „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ und dieses Märchen hat mich so erschrocken, aber auch so beeindruckt und beschäftigt, wie kein zweites. Ich habe mich gegruselt und gefürchtet, aber auch so unheimlich angezogen gefühlt, dass ich immer wieder, als ich es dann selbst konnte, hineinlesen musste, und mir die kargen, aber aussagekräftigen Illustrationen anschauen wollte. Ausgerechnet eine etwas grausame Geschichte war es, die mich als allererstes so in ihren Bann gezogen hat und vielleicht habe ich auch 1-2mal deswegen schlecht geschlafen, aber ganz ehrlich? Auch das kann man, so glaube ich, für eine großartige Erzählung in Kauf nehmen, so lang man vermittelt bekommt, dass Geschichte bleibt, was Geschichte ist.

Hans Christian Andersen: Die Schneekönigin. Jan Thorbecke Verlag. Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Ostfildern. ISBN: 978-3-7995-1415-6. Preis: 9,90 Euro. Hier der Link zur Verlagsseite .

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