Danach ist alles anders

Jetzt stehe ich hier, habe einen weißen Plastikbehälter in der Hand und bekomme mich kaum noch ein. Ich weine so, wie man es tut, wenn man selbst davon überrascht wird, dass da etwas ist, dass man schon länger mit sich herumträgt und nun offenbar dringend raus muss. In meinen Händen halte ich das Sterilisiergerät, das wir für unzählige Fläschchen benutzt haben und das nun nicht mehr gebraucht wird, da meine kleine Tochter längst jede Menge am Tisch mitisst und auch ansonsten längst nicht mehr keimfrei sein muss. „Stelle ich es jetzt bei ebay-Kleinanzeigen ein?“, frage ich mich, denn der Keller platzt aus allen Nähten, aber vielleicht, ganz eventuell, aber sehr wahrscheinlich nicht, brauchen wir es ja doch noch einmal? So wie all die kleinen Bodies, Häubchen und Strumpfhosen, die ich nicht weggeben kann, weil mich jedes Stück Stoff an einen Moment erinnert, den ich verlieren könnte, wenn da nichts mehr ist, was ich anfassen kann, um mich zu erinnern.

Raum für Sentimentalität

Meine Kinder waren für mich immer genau so alt, wie sie es gerade in diesem Moment sind, und ich habe selten zurückgeschaut. Auch, weil dafür kaum Zeit war, denn drei Kinder in vier Jahren lassen wenig Raum für Sentimentalität. Und warum auch? Es passiert ja alles jetzt und hier, genau in diesem Augenblick, aber dieses Mal geschieht es vielleicht auch zum letzten Mal und ich bin gerade so wahnsinnig anhänglich und gluckenhaft, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Der Grund ist nicht, dass die kleine Tochter nun auch schon ein Jahr alt ist, dass sie täglich so viele neue Dinge lernt und tut, sondern dass die Eingewöhnung in den (ganz wunderbaren) Kindergarten kurz bevorsteht und machen wir uns nichts vor: danach ist alles anders.

Mein Kopf, der sich so viele Stunden am Tag hauptsächlich um sie drehte, wird wieder viel voller sein mit Arbeitsfragen und egal, wie ich mich auch anstrenge, da wird weniger Raum sein für sie. Und sie, sie wird mit ihren weichen, weichen immer noch Babyfüßen mit den Geschwistern mitgehen und es sind nicht meine Arme, die sie hochheben, die sich kümmern, die sie trösten und die sie in den Schlaf begleiten. Tatsächlich ist es das, was mich traurig, wütend und wahnsinnig eifersüchtig macht, denn noch nie wollte ich mich dringender teilen können.

Meine Arbeit ist mir sehr wichtig, denn Bücher und die Arbeit mit ihnen, die liebt man auch nicht so einfach nebenbei, und ein Teil von mir freut sich wie wahnsinnig darauf, mal wieder stundenlang in komplexen Textteilen zu versinken und nicht immer nur kurze Romanabschnitte zu lesen und währenddessen sowieso mit halbem Ohr darauf zu achten, was gerade im Nebenzimmer passiert. Meine andere Hälfte hätte es aber gut und gerne noch ein Jahr länger ausgehalten, so einfach hier mit ihr zu sein und den Kopf frei zu haben für all die Bedürfnisse, Stimmungen und winzig kleinen Veränderungen, die morgen zu einem ganz anderen Tag werden lassen als heute.

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