Glücklich, gierig, tot.

„Die Skrupellosen“ von Sadie Jones ist ein atemberaubend spannender Roman

Bea und Dan sind aufrichtig ineinander verliebt und noch nicht allzu lange verheiratet. Kennengelernt haben sie sich bei einer Kunstausstellung von Dan, der mittlerweile jedoch als Immobilienmakler arbeitet und seine künstlerischen Ambitionen erstmal auf Eis gelegt hat. Die beiden leben in einer kleinen Mietwohnung mitten in London, nicht weit entfernt von der Praxis, in der Bea sich als Psychotherapeutin mit den Schicksalen und Schwierigkeiten ihrer Patienten auseinandersetzt.

Bea und Dan sind glücklich miteinander, aber trotzdem ist da etwas in oder zwischen ihnen, das nach Veränderung ruft. Wahrscheinlich beginnt der sich zunächst noch langsam ankündigende Wandel mit der roten Ledertasche, die Bea zu Beginn des Romans „Die Skrupellosen“ von Sadie Jones in einem Oxfam-Laden für Dan ersteht. Denn diese Tasche ist, obwohl sie Second Hand ist, eigentlich viel zu teuer für Bea, aber sie weiß, dass Dan sich darüber unheimlich freuen würde, auch weil die hochwertige Verarbeitung und der damit verbundene Preis einem sofort ins Auge fallen.

Nachdem Bea Dan die Tasche überreicht hat, stellt sich die Frage, ob man diese nicht bald zum Einsatz bringen sollte, denn für gewöhnlich verreist das Paar nicht. Doch es scheint fast so, als wäre die rote Tasche eine Art Büchse der Pandora, durch deren Öffnung eine ganze Kette von Ereignissen hervorgerufen wird, die eine lawinenhafte Eigendynamik entwickeln und sich nicht mehr aufhalten lassen.

Kurzerhand beschließen die beiden, ihre Jobs und das Leben in London eine Weile auf Eis zu legen und stattdessen eine mehrmonatige Reise durch Europa zu unternehmen. Dazu müssen sie jedoch an ‚das Polster“, das all ihre finanziellen Ersparnisse beinhaltet und bei diesem Schritt fühlen sich weder Bea noch Dan besonders wohl, allerdings haben sie dafür ganz verschiedene Gründe.

Erste Station: ein heruntergekommenes Hotel in Frankreich

Die erste Station ihrer Reise führt Bea und Dan nach Frankreich, wo Alex, Beas großer Bruder, ein Hotel betreibt. Dan weiß nicht viel über Beas Familie, aber er weiß, dass sie ihren Bruder Alex sehr liebt, während sie zu ihren Eltern, die sie eher beiläufig als wohlhabend ausgegeben hat, ein ganz und gar anderes Verhältnis hat. Bea und Dan ahnen nicht, dass ihr Aufenthalt in Paligny ihr gesamtes Leben für immer verändern wird und dass sie sich das, was ihnen nun bevorsteht, selbst in ihren kühnsten Träumen wohl kaum ausgemalt hätten.

Sadie Jones hat mit „Die Skrupellosen“ einen richtig spannenden Roman geschrieben, der mich von der ersten Seite an gefesselt hat. Bea ist eine so wahnsinnig gefasste, anständige und liebenswürdige Figur, doch bei Dan entwickeln sich trotzdem Zweifel an ihrem gemeinsamen Lebensweg und den getroffenen Entscheidungen: Warum hat seine Frau ihm verschwiegen, wie reich sie wirklich ist? Warum leben sie dann überhaupt in dieser beengten Wohnung und was steckt wirklich hinter der scheinbar vollkommen übertriebenen Furcht und Abneigung, die Bea gegenüber ihrer Mutter empfindet?

„Die Skrupellosen“ erzählt die Geschichte eines Paares, das auseinander driftet, weil ganz bestimmte Muster, Sehnsüchte und Glaubenssätze tiefer gehen, als all das, was wir uns selbst beigebracht haben und um das wir uns tagtäglich so bemühen. Es ist ein Roman über Gier, über den Willen, doch noch etwas mehr vom großen Ganzen abzubekommen, und es ist die Geschichte eines Verbrechens, die so furios und atemberaubend endet, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe.

Sadie Jones: Die Skupellosen. Roman. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn. Penguin Verlag 2021. ISBN: 978-3-328-60104-3, 464 Seiten. Preis: 22,00 Euro.

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