Sommerlesezeit – im Garten, am Strand oder mitten in der Stadt

Ganz egal, ob ihr eure Ferien zu Hause, unterwegs in der Natur, am Strand oder in der großen Stadt verbringt, ich hätte da drei Tipps für sommerliche Lesestunden! Ausgewählt habe ich einen Roman, eine autobiographische Erinnerung und eine Sammlung mit ganz besonderen Essays über die Natur. Ich hoffe, dass für jedes Leseinteresse etwas dabei ist…

Ich und meine Mutter

Die Schriftstellerin Vivian Gornick wurde 1935 als Kind jüdischer Einwanderer in New York City geboren und genau dort ist auch „Ich und meine Mutter“ angesiedelt. In diesem autobiographischen Erinnerungsstück erzählt Gornick von den unzähligen Spaziergängen mit ihrer Mutter durch Manhattan, die die beiden auch noch unternommen haben, als Gornicks Mutter weit über 70 Jahre alt war. Sie reden und gehen, schauen sich um, trinken Kaffee, schwelgen in Erinnerungen, kommentieren das Leben der jeweils anderen (und das der Nachbarinnen) und geraten dabei sehr regelmäßig aneinander.

Diese Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter gehören für Vivian Gornick dazu, denn das, was sie hier in ihren Erinnerungen wieder aufleben lässt, ist gemeinsam erlebte Geschichte, ist ein gemeinsam gelebtes Leben und das Band einer untrennbaren Beziehung, die nie einfach war, aber stets auch voller Liebe.

Ein wunderbares Buch über Mütter und Töchter und über das Leben in einer Metropole, die anstrengend, laut und fordernd sein kann, aber auch unvergleichlich und unersetzlich ist.

Vivian Gornick: Ich und meine Mutter. Aus dem Englischen von pociao. Penguin Verlag 2019, 224 Seiten. ISBN: 978-3-328-60030-5, Preis: 20,00 Euro.

Der dunkle Sog des Meeres

Roxanne Bouchard ist eine kanadische Schriftstellerin, die aus Québec stammt, und 1972 geboren wurde. In ihrem Roman „Der dunkle Sog des Meeres“ geht es um eine junge Frau namens Catherine Day, die auf der Suche nach etwas ist, von dem sie selbst noch nicht genau weiß, was das sein könnte. Sie verlässt die Großstadt und macht sich auf in den kleinen Ort Caplan, in dem es eigentlich nicht viel zu sehen gibt, wenn da nicht das Meer wäre.

Das große und so weite Meer, das in den verschiedensten Blau- und Grüntönen schimmert, das wild und beruhigend sein kann, das Geheimnisse in sich trägt und manchmal sogar Antworten bereithält. Catherine kommt in einer Pension unter und macht schon bald Bekanntschaft mit den Dorfbewohnern, insbesondere mit den Fischern, und sie hört eine Vielzahl von Geschichten, die sich um eine Frau ranken, zu der Catherine in besonderer Beziehung steht.

„Der dunkle Sog“ des Meeres ist eine ruhige Meditation über das Ankommen und zugleich eine Art Krimi, der seinen ganz eigenen Gesetzen folgt, denn plötzlich ist Eine tot und manch Einer würde lieber weiterhin schweigen. Ich würde sagen: Die perfekte Urlaubslektüre, am Strand oder auf dem heimischen Balkon, denn die hier erzählte Mischung ist ebenso ungewöhnlich wie unterhaltsam.

Roxanne Bouchard: Der dunkle Sog des Meeres. Roman. Aus dem Französischen von Frank Weigand. Atrium Verlag Zürich, 310 Seiten. ISBN: 978-3-85535-113-8, Preis: 20,00 Euro.

Schwärmer und Schnaken

Wer hier schon etwas länger mitliest, weiß, dass ich die Bücher aus dem Guggolz Verlag sehr schätze. Sie sind nicht nur wunderschön und sehr hochwertig gemacht, sondern fein verlesen, toll übersetzt und mit überaus wichtigen und spannenden Hintergrundinformationen über das jeweilige Werk versehen. Genau das ist auch bei „Schwärmer und Schnaken“ von Harry Martinson wieder der Fall.

In den hier versammelten Naturessays des schwedischen Schriftstellers erscheint nicht eine ganze Welt, sondern ganz viele kleine Welten werden erschaffen, detailreich beschrieben und dank der so poetischen und präzisen Sprache Martinsons (und seines Übersetzers Klaus-Jürgen Liedtke) auch erlebbar konserviert. Viele der Essays sind kurze Prosaminiaturen, die vom Sommer in Schweden erzählen, in dem Pflanzen und Tiere, Stimmungen und Licht, Geräusche und Gerüche auftauchen.

Schon die Titel der Essays sind so ansprechend, wie es auf Martinsons Naturschilderungen in Gänze zutrifft: „Wasserbrief“, „Von Schwärmern und Schnaken“, „Winterweiss“ oder auch „Der Bach rinnt in die Finsternis“. Es sind kurze Texte mit einer greifbar dichten Atmosphäre, die ich langsam und im Abstand von Tagen gelesen habe, um auszukosten, was ich mir während des Lesens vorstellen durfte. Und da nicht nur der Sommer, sondern alle Jahreszeiten von Martinson, der elf Jahre seines Lebens in einer abgelegenen Kate südlich von Stockholm lebte, eingefangen wurden, wird dieses Buch mich auch in den kommenden Jahreszeiten immer wieder begleiten.

Ein großer Schatz von einem Buch, in dem Flora und Fauna zwar die Hauptrolle spielen, aber dazwischen ist so viel Geschichte und so viel Mensch, dass es selbstredend um weit mehr geht, als um reine Naturbetrachtungen.

Harry Martinson: Schwärmer und Schnaken. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Guggolz Verlag Berlin 2021, 219 Seiten. ISBN: 978-3-945370-29-2, Preis: 22,00 Euro.

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