#neunundsechzigtagebuch oder warum mir gerade die Worte fehlen

Ihr Lieben, ich schmeiße das Handtuch! Nicht mit diesem Blog, aber mit meinem Versuch, 100 Tage ein Online-Tagebuch zu führen. 69 Tage habe ich geschafft, aber nun beende ich diese Idee, denn aktuell fehlen mir oft die Worte. Eigentlich ist diese Formulierung denkbar unpräzise, denn im Grunde habe ich viel zu viele Worte, tausende Sätze, Gedanken und Fragen, die mir durch den Kopf geistern, aber mein Unverständnis über die gegenwärtige Situation ist so groß, dass es mich manchmal förmlich lähmt.

Intensivmedizin und Karneval

Ich habe mir gerade (nach dem Wegbringen der Kinder mit Eis kratzen und Baustelle auf der Straße, mit einem teuren Besuch an der Tankstelle und einem Einkauf im Supermarkt) einen zweiten Kaffee gemacht und dabei den Fehler begangen, das Radio nicht auszuschalten.

Es wurde ein Intensivmediziner interviewt, der in deutlichen Worten appelliert und gewarnt hat, da die aktuelle Situation absolut bedrohlich und dynamisch ist. Zwei Minuten später ging es um den Karnevalsauftakt in Köln, um endlich wieder schunkeln (und das ist in NRW ja auch ausdrücklich erlaubt) und sich schön muckelig mit dem Virus anstecken, um dann in zwei Wochen auch auf den Bauch gedreht werden zu müssen, sofern noch ein/e Intensivpfleger/in und ein Bett da sind.

Selbstverständlich ist der Karneval in diesem Bild nur ein Beispiel, denn ich verstehe noch eine ganze Reihe weiterer Dinge so überhaupt nicht mehr: erneut viel zu langsames politisches agieren, keine Maskenpflicht mehr in den Schulen in NRW zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, fehlende Impfpflicht in der Pflege usw.

Ich kann dieses Maß an Ignoranz, Unvernunft, Egoismus und nun ja: Dummheit wirklich kaum noch ertragen und muss virtuell etwas abtauchen, um in meinem Mikrokosmos gut weitermachen zu können. Aber gerade eben auch nur dort, denn momentan weiß ich wirklich oft nicht, was das für eine Welt sein soll, in der Menschen so satt und ausschließlich am eigenen Wohle interessiert sind, dass sie das nicht annehmen, wonach andere Länder händeringend zu greifen suchen. Ich war ja schon immer eher pessimistisch in Bezug auf Menschheit/Zukunft/Weltrettung, aber die letzten Monate haben mich trotzdem oft fassungslos gemacht.

Bald geht es hier sicher weiter mit Buchvorstellungen und Alltag, aber heute möchte ich am liebsten meine fünf Menschen einpacken und die nächsten Monate in einer Hütte irgendwo in Norwegen verbringen.

Eure Simone

8 comments Add yours
  1. Liebe Simone,
    ich verstehe dich so gut, mir geht es ganz genauso!! Trotzdem würde ich mich sehr freuen, falls du nach der nötigen Pause vielleicht doch weitermachen möchtest. Ich habe hier täglich sehr gerne mitgelesen.
    Erst einmal wünsche ich dir viel Kraft und Durchhaltevermögen und vor allem Gesundheit für dich und deine Familie!
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Liebe Anne, das tut wirklich gut, ich danke Dir! Ich bin froh, dass viele so denken und ich freue mich total, dass Du mich zum Weiterschreiben ermunterst. Das mache ich ganz bestimmt, nur vielleicht ohne eine bestimmte Zahl von Einträgen, die ich ‚erreichen‘ will :). Auch Dir und Deiner Familie alles erdenklich Gute, Simone

  2. Liebe Simone,
    ich habe auch bis jetzt sehr gerne mit gelesen und war eigentlich schon sehr gespannt auf dein Fazit nach 100 Einträgen. 🙂 Aber natürlich soll der Spaß an der Sache nicht verloren gehen.
    Ich teile deine Sicherheit in den Aussagen über die Corona-Situation nicht. Das finde ich aber gerade so spannend an Blog-Beiträgen, das ich nicht die x-fache Wiederholung aus diversen Tageszeitungen vorgesetzt bekomme und alle einer Meinung sind, sondern das ich das lesen und evtl. verstehen kann was bei dir ankommt und was dich bewegt. Vielen Dank für 69 Beiträge.
    Liebe Grüße
    Sandra

    1. Liebe Sandra, dann schau‘ ich mir einfach das Fazit nach 100 Beiträgen bei Dir an. 🙂 Und danke für Deinen Kommentar – gerade auch weil wir da nicht einer Meinung sind! Alles Gute – und weiterhin gute Besserung, oder? Simone

  3. Liebe Simone,
    ach schade. Ich mag das Hunderttagebuch.

    Und dann geht es mir wie dir: wir schwanken hier auch zwischen Unverständnis und Enttäuschung und dem Versuch der Dreijährigen zu erklären, warum wieder alles ausfällt, warum wir Musikschule nur online machen(und alle anderen Kinder der Gruppe vor Ort sind- aber die gehen alle in die gleiche Kita und diese Kita hat nachgewiesene Coronafälle und das ist uns viel zu heiß). Gleichzeitig schießen die Nachrichten aus allen Kanälen und die Frage ist, wem glauben wir und wofür entscheiden wir uns? Ratlosigkeit und der Versuch die Hoffnung bei uns nicht ausgehen zu lassen.
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Liebe Anne, ganz lieben Dank für Deine netten Worte. Aus unserem Alltag schreibe ich auf jeden Fall trotzdem weiter :). Das mit der Musikschule kann ich sehr gut verstehen: wir wurden gestern von unserer Nachbarin zu einem Eltern-Kind-Turnen eingeladen – direkt um die Ecke, ich könnte alle drei kleineren Kinder mitbringen und suche sowas schon länger. Aber das beginne ich nicht bei 50.000 Neuinfektionen am Tag, denn alles was drinnen ist, machen wir jetzt erstmal wieder nicht. Naja, bis auf Schule und Kita…
      Auch für Euch alles erdenklich Gute und liebe Grüße, Simone

  4. Liebe Simone,
    ich bin absolut deiner Meinung und über die anscheinend grassierende Verdümmung mittlerweile sprachlos. Schade, dass du uns nicht mehr täglich begleitest, dennoch verstehe ich gut die Wut, das Gefühl von Machtlosigkeit und den Eindruck, einfach im falschen Film zu leben, denn es geht mir genauso.
    Mit euren Büchervorschlägen habt Du und dein Sohn unsere „Einsperrzeit“ gerettet – mein Sohn (9) konnte von Mitte Dezember bis Juni nicht in die Schule, auch nicht zu Zeiten von Wechselnunterricht, da mein Mann Risikopatient ist. Es wurde (und wird) endlos gelesen, vielen vielen Dank für die inspierenden Vorstellungen, es waren echte Perlen dabei.
    Bleibt gesund und so weit es geht munter und fröhlich, wir freuen uns immer auf eure Rezensionen 🙂
    Liebe Grüße,

    Elena

    1. Liebe Elena, ich danke Dir sehr für Deine so, so lieben Worte, die mir wirklich viel bedeuten! Es ist so schön zu hören, dass unsere Buchempfehlungen euch gefallen und ich freue mich total, dass Du gerne hier liest. Die aktuelle Situation ist wirklich sehr belastend – ich habe das Gefühl, dass wir in einer Dauerschleife feststecken und sich der letzte Herbst/Winter wiederholen, obwohl das wirklich nicht so sein müsste! Für Deinen Sohn muss das eine ganz schön harte Zeit gewesen sein, oder? Aber wahrscheinlich nicht nur für euren Sohn, sondern insgesamt für euch als Familie… Ich wünsche euch wirklich alles, alles Gute und hoffe, dass wir allesamt heil durch die nächste Zeit kommen… Liebe Grüße, Simone

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