In Bedrängnis lesen.“Die Rache ist mein“ von Marie N’Diaye

(Rezensionsexemplar)

Marie N’Diaye zu lesen ist nie etwas, das man ‚so nebenbei‘ oder nur mit halber Aufmerksamkeit tun kann. Denn die Konzentration ihrer Leser:innen ist etwas, was die französische Schriftstellerin von der ersten Seite an radikal einfordert. Ich habe ihren neuen Roman „Die Rache ist mein“ in zwei Zügen verschlungen, brauchte danach aber etwas Zeit, um die ‚richtigen‘ Worte zu finden, die mein Leseerlebnis beschreiben sollen. Doch zunächst zur Handlung:

Hauptfigur ist Maître Susane, eine 42jährige Anwältin aus Bordeaux, die mit einem krassen Fall betraut wird. Me Susane wird als Verteidigung der Frau von Gilles Principaux engagiert, da diese ihre drei gemeinsamen Kinder ermordet haben soll. Selbstverständlich kommt der Tat in der Presse große Aufmerksamkeit zu und so stellt Me Susane sich von Anfang an die Frage, warum Gilles Principaux ausgerechnet sie als Anwältin ausgesucht hat.

Ebenfalls bereits zu Beginn des Romans hat Me Susane die deutliche Ahnung, dass sie Gilles Princiapux schon einmal begegnet ist und dass ein folgenreicher gemeinsamer Nachmittag sie beide verbinde. Der betreffende Tag liegt allerdings drei Jahrzehnte zurück und Me Susanes Erinnerungen sind mehr als unzuverlässig.

Eine Einkreisung

Ausgehend von dieser Situation entfaltet N’Diaye nicht etwa eine voranschreitende Handlung oder ein ‚Geschehen‘, sondern nimmt eine Art Einkreisung vor: Me Susane taucht immer weiter hinab in die Wirren ihrer eigenen Vergangenheit und in die Gedanken des Ehepaars Principaux. Marlyne, die des Mordes verdächtigte Mutter, ist ebenfalls eine vollkommen rätselhafte Figur, denn ihre Kinder waren für sie im Leben das Wichtigste, wurden geliebt und fürsorglich begleitet. Warum, fragt sich Me Susane gemeinsam mit den Leser:innen dieses Romans, konnte es dann aber zu einer solch monströsen Tat kommen?

„Die Rache ist mein“ setzt dem bisherigen Schaffen von Marie N’Diaye die Krone auf, denn in diesem Roman verdichtet sich, was ihren Stil unnachahmlich macht: Die Figuren ihrer Romane sind nur auf den ersten Blick Teil einer alltäglichen Ordnung, da ihre Handlungen oft von etwas getrieben sind, das sie selbst kaum benennen könnten. Hinter Gesichtern warten Fratzen und scheinbar harmlose Situationen kippen um in etwas subtil Grausames.

Räume und die Halsausschnitte des Pullovers werden von Seite zu Seite enger, während sich gleichzeitig Me Susanes Lebenslage in alle Richtungen verkompliziert und in manchen Momenten bedrohlich zuspitzt. Wie kann es sein, dass ihre Eltern plötzlich so verstört reagieren? Was verbirgt Me Susanes Haushälterin und wer ist die wirkliche Mutter der kleinen Lila, die plötzlich eine große Rolle in Me Susanes Leben spielt? N’Diaye wiederholt Sätze und Gedanken ihrer Figuren, seziert Details und springt zur nächsten Szene – Anschlüsse und Verbindungen ergeben sich dennoch und oft ungeahnt.

Die unmögliche Tat

Doch über all dem thront die unmögliche Tat, der Mord an drei geliebten Kindern. In einem langen, beinah atemlosen Monolog, kommt Marlyne in ihrer Gefängniszelle selbst zu Wort:

„Aber so ein kleiner Platz ganz für mich allein, aber das klar umgrenzte Gebiet meines Betts, aber das Nest, das ich mir hergerichtet habe, aber so schön hatte ich es noch nie. […] Aber meine Tat hat da keinen Zutritt. Aber sie ist da, in der Atmosphäre der Zelle, denn die anderen denken daran, aber ihre Gedanken darüber dringen nie durch die Wände meiner lieben kleinen Höhle hindurch.“ (117)

Am Ende dieses Monologs – wie des gesamten Romans – bleibt eine Vielzahl von Fragen offen, doch diese sind anderer Natur als die Fragen noch zu Beginn. Anfangs fragt Me Susane sich, wie Marlyne tun konnte, was sie tat -am Ende sind es ihre eigenen Gewissheiten, die zerbrochen sind.

Was bleibt ist Einsamkeit, die sich über alles legt, sich das Leben einverleibt und sehr fest zudrücken kann. Wirklich große, aber auch keinesfalls leicht zu ertragende Literatur von Marie N’Diaye mit einer zeitgemäßen Medea-Variation!

Marie N’Diaye: Die Rache ist mein. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Berlin 2021. ISBN: 978-3-518-43031-6, 236 Seiten. Preis: 22,00 Euro.

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