„Carls Buch“, oder: Worte für das Unvorstellbare

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

CN: Verlust eines Kindes

„Carls Buch“ von Naja Marie Aidt

Naja Marie Aidt ist eine aus Dänemark stammende Schriftstellerin, die sowohl Lyrik als auch Prosa schreibt. Ihr nun auf Deutsch erschienenes Werk „Carls Buch“ enthält jedoch weitere Formen literarischen Schreibens und Collagierens, indem es eigene Gedanken, Erinnerungen und Zitate miteinander verbindet.

Nachdem ihr Sohn Carl mit nur 25 Jahren plötzlich verstirbt, sucht Aidt in diesem Buch nach einer Sprache, die sich dem Geschehenen annähert und findet dabei Worte, die tatsächlich aus ihr selbst herauskommen. Sie, die Mutter, die zeitlebens geschrieben hat, ist nach diesem Unglück – frei nach Rimbaud – eine andere geworden und so muss auch ihr Schreiben sich neu herantasten und ausprobieren, wie sich in der Zeit des ‚Danach‘ überhaupt noch schreiben lässt.

Keine stille Trauer

Naja Marie Aidt will nicht still trauern, will nicht glätten oder nachträglich ordnen und am allerwenigsten will sie eine stringente ‚Geschichte‘ erzählen, die auf etwas hinausläuft, das in der Zukunft läge. Ganz im Gegenteil: Ihr Schreiben geht zurück in die eigenen Erinnerungen, umkreist den Zeitpunkt des Todes und versucht ganz dicht bei Carl zu sein, dem Sohn, der nun immer bleibt, was er gewesen ist.

Sie seziert ihren Schmerz und geht immer wieder über Grenzen des Aushaltbaren, indem sie sich mit Gedanken konfrontiert, die kaum denkbar sind – erst recht nicht für eine Mutter. (Und ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich die Trauer einer Mutter hier besonders hervorheben will und ja, das möchte ich.)

Dabei ist ihre Form des Verarbeitens eine, die genau das im Grunde nicht will: sie sträubt sich dagegen, eine Art Abschluss zu finden, denn es geht nicht um ein Leben ohne Carl, sondern um die Frage, wie Naja Marie Aidt als Carls Mutter, die sie ja immer bleiben wird, (über)leben kann:

„Er ist in mir.

Er ist in meinem Körper.

Ich trage sein Wesen in meinem Körper.

Ich trage ihn wieder in meinem Körper.

Wie, als er in meiner Gebärmutter lag.

Aber jetzt trage ich sein ganzes Leben.

Ich trage dein ganzes Leben.“ (166)

Literarische Einkreisung

„Carls Buch“ ist die literarische Einkreisung einer Erfahrung, die schnell als unaussprechlich abgetan werden könnte. Doch Naja Marie Aidt beweist das Gegenteil: Die Seiten dieses schmalen Buches sind voller Trauer, Verzweiflung und Einsamkeit, aber auch voll von Wut und Wüten, denn manchmal, da schreien einen ihre Worte förmlich an, um im nächsten Moment ganz leise zu wiederholen, was ein anderer dachte, fühlte und schrieb, wenn verloren war, was nie verloren sein darf. Unaussprechlich ist ihre Trauer dabei keinesfalls, es ist nur ein besonders harter Weg, die passenden Worte zu finden.

„Carls Buch“ hat mich sehr bewegt und ist neben Zsuzsa Bánks „Sterben im Sommer“ eines der eindringlichsten Bücher über den Umgang mit Tod und Trauer, das ich in den letzten Jahren lesen durfte.

Naja Marie Aidt: Carls Buch. Hat der Tod dir etwas genommen, dann gib es zurück. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Luchterhand Verlag 2021. ISBN Seiten. Prei

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