Gut für mich?

Ich liebe es, abends bis weit nach Mitternacht aufzubleiben und morgens möglichst lang zu schlafen. Ich esse am liebsten Pizza und Kuchen und wenn ich Wein oder Bier trinke, dann ist mein Glas schnell leer und ich fülle es gerne nach. Bis vor einigen Jahren habe ich geraucht. Und zwar keine ein bis zwei ‚Genusszigaretten‘ in Gesellschaft, sondern eher 1-2 Schachteln. Insbesondere beim Schreiben war der Aschenbecher schnell voll und ich habe es sehr genossen. Überhaupt, das Schreiben: Wenn ich an einer Sache arbeite, sagen wir mal an einem längeren Aufsatz oder an einem Buch, dann arbeite ich daran nicht nur ein bisschen, sondern intensiv, und das heißt, wann immer es geht und so effektiv wie möglich. Dabei vergesse ich die Zeit, trinke viel Kaffee und kaum Wasser und verrenke mich so dermaßen auf meinem Schreibtischstuhl, dass ich meinen Nacken abends gerne auswechseln würde.

Emails beantworte ich am liebsten sofort und wenn ich meine To-Do-Liste nicht abgearbeitet bekomme, dann stört mich das sehr. Sport finde ich ganz ok, aber Bücher sind mir wichtiger. Da ich wenig Zeit habe, muss ich nun mal Prioritäten setzen, und während andere das Joggen brauchen, möchte ich Papier riechen und in Texten versinken können. Ich dusche immer viel zu heiß, esse schnell und werde wahnsinnig, wenn vor mir jemand die Rolltreppe blockiert. Während andere zwei Wochen überlegen, ob sie diese oder jene Hose kaufen wollen, habe ich schonmal drei zur Auswahl mitgenommen, und wenn ich mich im Restaurant verabrede, dann schaue ich mir vorher die Speisekarte im Netz an, damit ich weiß, was ich bestelle.

Was der Yogalehrer sagt…

Ich bin lange nicht so geduldig, wie ich es gern wäre, aber in mir sind nicht Ausgeglichenheit und Ruhe angelegt, sondern Tempo und Aufbruch. Unterwerfe ich mich deswegen einem kapitalistischen Grundprinzip, weil ich immer was schaffen muss? Vielleicht, aber was tun, wenn man nun mal so und nicht anders gestrickt ist? Oder habe ich vielleicht einen schlimmen Kontrollzwang und nur nicht verstanden, dass man ‚im Leben nie mit etwas fertig ist‘? (Sagte der Yogalehrer und ich ging nie wieder hin.)

So, wie dort oben geschildert, lebe ich schon eine ganze Weile nicht mehr, denn seit fast neun Jahren bin ich Mutter und das von mittlerweile vier Kindern. Wenn ich abends zu lange wach bin, schaffe ich den nächsten Tag viel schlechter und das geht einfach nicht. Wenn ich Alkohol trinke, schlägt mir das meist auf den Magen und von zu viel Alkohol gibt es fürchterliche Kopfschmerzen und Zigaretten empfinde ich mittlerweile sogar als störend. Also trinke ich Kanne Brottrunk, achte darauf, dass zwischen Margherita und Marmorkuchen auch Obst und Gemüse Platz haben, denn natürlich esse ich mit den Kindern und bin Vorbild. Sport mache ich allerdings immer noch viel zu wenig und Langsamkeit kann ich weiterhin schlecht ertragen.

… und was Aristoteles antwortet

Ich gebe mir Mühe, viele Lebensbereiche so umzugestalten, dass sie mir nicht unbedingt die größte Freude bringen, dafür aber gut für mich sind. Es gibt ja Menschen, bei denen ist das deckungsgleich und die müssen sich die Lehre vom richtigen Maß nicht erst anerziehen. Denn das, was jede (sogenannte) Frauenzeitschrift und zahlreiche Ratgeber predigen, das wussten schon die alten Griechen: Mesotes, ist das Stichwort, und bezeichnet laut der aristotelischen Ethik die richtige Mitte und das richtige Maß zwischen Überfluss und Mangel. Ich übe mich also in einer ganz klassischen Tugend und das ist in meinem Alltagsleben unverzichtbar. Aber manchmal, da muss es mehr sein und dann will ich nicht warten, nicht abwägen und nicht verzichten, will so schnell laufen, wie meine Beine es mir vorgeben, und so lange vier Sachen gleichzeitig machen, bis ich nur eins bin: fertig und sehr zufrieden. Und dann träume ich davon, eine ganze Nacht am Tresen zu sitzen und vollauf die Zeit zu vergessen. So lang, bis die Sonne schon wieder aufgeht, und ich auf dem taumeligen Weg zurück nach Hause warme Brötchen kaufen kann.

Habt ihr Lust, mir zu erzählen, wie das bei euch ist? Passt das, was ihr gern tut zu dem, was ihr tun solltet oder tun müsst? Bekommt ihr diese beiden Pole gut miteinander vereinbart oder ist es schwierig?

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