Leben wird Schrift

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

Georges Perros, der am 31. August 1923 in Paris geboren wurde, war ein Künstler seiner Zeit, der mit den Menschen und der Welt, die ihn umgaben, selbst dann noch in enger Verbindung stand, wenn er nicht teilnehmen und stattdessen nur beobachten wollte. Perros hat ein außergewöhnliches Lebenswerk hinterlassen, das sich nicht auf eine literarische Kategorie reduzieren lässt, denn es spielt mit einer ganzen Reihe verschiedener Textformen und führt diese unter dem Dach des nur vermeintlich vorläufigen Notierens, Festhaltens und Dokumentierens zusammen.

Perros schrieb nicht mit dem konkreten Ziel einer Veröffentlichung und hatte in der kleinen Form der Notiz die genau passende Möglichkeit gefunden, das, was er aufschreiben wollte, auch so zu hinterlassen, ohne auf ein übergeordnetes thematisches Ziel hin verändern oder in die Darstellung eingreifen zu müssen.

Bei Matthes & Seitz ist in diesem Jahr die kongeniale Übersetzung der Schriftstellerin Anne Weber von Perros‘ Mammutwerk unter dem Titel „Klebebilder“ auf Deutsch erschienen, die weit mehr als ‚nur‘ die Sammlung beiläufig aufgeschriebener Eindrücke und Gedanken ist. Für Perros stellte sich nicht die Frage, ob er schreiben wolle, denn die Geste des Schreibens war so tief in ihm verwurzelt und gehörte ganz körperlich zu den Verrichtungen seines täglichen Lebens, dass an ein Nicht-Notieren gar nicht zu denken war.

Theaterleidenschaft

Perros‘ große Leidenschaft war das Theater und er selbst war dort nicht nur als Besucher zugegen, sondern spielte an der Comédie-Française in Stücken von Paul Claudel und Molière und ging später mit dem Ensemble auf Tournee durch Ägypten. Zu seinem Freundeskreis gehörten zahlreiche Schriftsteller, Theaterregisseure und Akteure der Kunst, denen er sich in seinen Aufzeichnungen ebenfalls ausgiebig zuwendet. Dort gibt es ganze Essays über Klossowski, Breton oder auch Kierkegaard zu entdecken, in denen Perros aus sehr persönlicher Sicht über das Zusammenspiel von Leben und Werk seiner Zeitgenossen reflektiert. Neben solchen in sich abgeschlossenen Binnentexten enthalten die „Klebebilder“ unzählige Aufzeichnungen von Tag- und Nachtgedanken des Schriftstellers, deren Leitmotive die Einsamkeit und die Zeit sind und die sich immer wieder mit der Frage nach dem ‚richtigen‘ Leben auseinandersetzen, das gewählt werden muss, weil es das einzige ist, das man zu leben vermag.

Perros dokumentiert seine Zweifel und in manch einem Aphorismus steckt dabei mehr Klarheit als in den langen Abschweifungen – die der Autor selbst als solche benennt – , die die „Klebebilder“ auch enthalten. Perros Art, Notizen zu machen, besteht darin, das Aufschreiben als beständige Begleitung zu begreifen und dieses feste Ritual über Jahrzehnte beizubehalten.

Schreiben in der Zeit

Folglich sind die „Klebebilder“ auch kein nachträglich in Form gebrachtes autobiographisches Dokument, sondern eine Sammlung von Schriftstücken und des Schreibens in der Zeit. Im letzten Teil des Buches ist Perros bereits an Kehlkopfkrebs erkrankt und verliert nach einer Operation seine Stimme, sodass er nur noch mit Hilfe einer ‚Zaubertafel‘ zu kommunizieren vermag oder eben posthum über seine Notizen, die auch von diesem Lebensabschnitt zeugen.

Lesen sollte man diese literarische Hinterlassenschaft, so meine ich, übrigens ebenfalls nicht unbedingt am Stück, denn dann rauscht der Strom von Gedanken und Einfällen des Dichters womöglich allzu wild an einem vorbei. Stattdessen lag meine Ausgabe der „Klebebilder“ über viele Wochen aufgeschlagen auf meinem Schreibtisch und jeden Tag aufs Neue blätterte und las ich darin. Das über so viele Jahre entstandene und gelebte Schreiben braucht Zeit und Raum und dann endet es nicht, sondern setzt sich mit den eigenen Anmerkungen am Rand des Buches fort und findet Eingang in weitere Notizhefte, in denen Perros und seine Ideen letztlich ganz aufgehen, weil sein Leben Schrift geworden ist.

Georges Perros: Klebebilder. Aus dem Französischen und mit Anmerkungen von Anne Weber. Mit einem Vorwort von Jean Roudaut. Matthes & Seitz 2020. ISBN: 978-3-95757-691-0, 900 Seiten. Preis: 58,00 Euro.

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