Unser aller Partykeller, oder: Warum Sicherheit gerade nicht möglich ist

Vor ein paar Tagen telefonierte ich sehr lange mit meiner besten Freundin. Wir hatten viel zu lange nicht mehr miteinander gesprochen und es gab viel zu erzählen. Natürlich waren auch Corona und die Folgen ein Thema, das immer wieder aufkam, und vieles davon beschäftigt mich heute noch sehr, denn wir sprachen auch über all die Menschen in unserem nahen Umfeld, die sich als ‚Coronaskeptiker‘ (was auch immer das genau sein soll), Impfgegner oder schlicht als seltsam esoterisch entpuppt haben, denn manch einer glaubt ja plötzlich an Licht und Liebe als Allheilmittel– häufig, aber nicht immer, weil Wissenschaft ja doch eher anstrengend und schwierig zu sein scheint.

Wir waren uns schnell einig, dass es für diese Abwege der Vernunft selbstverständlich eine Vielzahl von Gründen gibt, denn hier prallen Einzelschicksal und Pandemie knallhart aufeinander und der Effekt ist bei so vielen Menschen nicht nur Erschütterung, sondern vor allem auch Angst. Nicht unbedingt die Angst vor einer potenziell tödlichen Krankheit, die erstaunlich viele Menschen umtreibt, die dennoch behaupten, dass das alles eine Verschwörung sei. Menschen, die sich nicht zu schade sind, unsägliche Vergleiche zum Naziregime zu ziehen, die wirklich absolut daneben sind.

Es gibt eine Angst vor dem Ungewissen, die viele Menschen umtreibt, die von der Pandemie in ihren Grundfesten erschüttert wurden und die sich das Recht auf Fußball, Urlaub in der Sonne und auf Menschenansammlungen jeglicher Art sehnlichst zurückwünschen. Damit meine ich auf keinen Fall Menschen, die um die Gesundheit ihrer Lieben oder um die eigene fürchten, und auch ganz sicher nicht solche Leute, die um ihre Jobs bangen oder die ihre Miete nicht mehr zahlen können. Mit all diesen Ängsten bin ich vertraut und ich würde niemandem seine Furcht streitig machen.

Was mich aber immens stört, das sind diese salonfähig gewordenen Wohlstandsbeschwerden von Menschen, denen es eigentlich an nichts fehlt und deren maximale Einschränkung darin besteht, den Restaurantbesuch nach draußen zu verlagern, beim Einkaufen eine Maske zu tragen und vielleicht dieses Jahr in Ischgl weniger zu saufen.  

Obrigkeitsglaube und Kritik

Es ist noch immer, und das obwohl wir uns jetzt gerade in einer wirklich wichtigen und Weichen stellenden Phase befinden, so wahnsinnig laut da draußen und das macht mich oft stutzig. Sobald eine Idee oder ein Vorschlag seitens der Politik geäußert wird, knüppeln die Stimmen in den sozialen Medien harsch dagegen und ich verstehe einfach nicht, wieso nicht begreiflich ist, dass wir ALLE das gerade zum ersten Mal durchmachen, auch die Politik, die Wissenschaft und die Medizin.

Was ist das für ein seltsamer Obrigkeitsglaube ausgerechnet von denjenigen, die sich als Kritiker der Entscheidungsträger verstehen und die meinen, sie würden sich nicht von ‚denen da oben‘ hinters Licht führen lassen? Jene, die sich eigentlich doch nur wünschen, dass ihnen endlich einer glaubhaft verspricht, dass Corona wirklich nicht schlimmer als die Grippe ist und dass sie das alles heil überstehen werden.

Die Welt von früher

Was ist das für eine schlecht getarnte Sehnsucht nach Sicherheit, nach der Welt von ‚früher‘ und nach Freiheit – was auch immer damit nun wieder gemeint ist? Wir leben weiterhin in einem Land, das vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen ist, und ich würde mir sehr wünschen, dass wir nun endlich verstehen, dass wir alle gemeint sind, wenn alle gesagt wird. Dass es tatsächlich so etwas wie Eigenverantwortung der in einer Gesellschaft lebenden Bürger gibt und dass diese ihre Mündigkeit nicht durch lautes (virtuelles) Grölen zum Ausdruck bringen, sondern durch Verzicht.

Wir müssen nicht ausreizen, was theoretisch erlaubt ist, sondern sollten uns mit praktischer Vernunft durch die nächsten Wochen und Monate bewegen, denn sonst sind es sehr wahrscheinlich bald wieder die politischen Entscheidungsträger, die deutlich größere Einschränkungen des Privaten verordnen müssen und zwar weil ihnen die Gesellschaft keine andere Wahl gelassen hat. Ich bin dieses Politiker/innen-Bashing ebenso leid wie den aufkommenden Ton und die Sprache, die auch große Verbände und deren Vertreter immer häufiger wählen: Da werden Ideen als ‚schwachsinnig‘ und Vorschläge als ‚erbärmlich‘ abgetan, aber das ließe sich auch ganz anders sagen, denn wenn so offensichtlich die sprachliche Contenance flöten geht, dann ist immer auch die Haltung insgesamt in Gefahr.

Und die Sicherheit, dass in ein paar Monaten alles wieder gut ist, wir fröhlich Aerosole in die Luft pustend durch die Gegend rennen, alle Masken längst gefallen sind und wir Sunshine Reggae auf Ibiza leben, diese Sicherheit kann uns derzeit nur jemand geben, der nicht die Wahrheit sagt. Wir können zwar sachlich prognostizieren oder auch unsachliche Vermutungen anstellen, aber die Zukunft entscheidet sich heute, und zwar in unser aller personal Partykeller oder was auch immer wir gerade so tun, das wir vielleicht lieber lassen sollten.  

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