Tolle Frauen mit Dr. Stephanie Heimgartner

Endlich geht die Interview-Reihe weiter! Dieses Mal habe ich eine Freundin und Kollegin interviewt, denn ihr Berufsalltag als Literaturwissenschaftlerin an der Uni ist gerade in der momentanen Lage besonders und nicht nur organisatorisch äußerst spannend. Ich durfte Dr. Stephanie Heimgartner zudem auch zu ihrem Werdegang befragen, also zu Studienzeiten, Doktorarbeit, leben im Ausland, Arbeit als Lektorin im Verlag usw.

Zudem verrät Stephanie, welche Bücher für sie unvergesslich sind, wie sie zu einer passionierten Leserin wurde und was sie Studierenden mit auf den Weg geben möchte.

Wer mehr über Stephanie erfahren will, kann ihr auf Twitter folgen @StHeimgartner oder mal hierüber klicken.

Liebe Stephanie…

Erzähl doch mal: Was machst Du derzeit beruflich? Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

Ich habe zwei halbe Stellen, beide an der RUB (Ruhr-Universität Bochum); eine ist eine Verwaltungsstelle im Germanistischen Institut, da geht es grob um Veranstaltungsplanung, die Formalitäten rund um die Examina und Studienberatung. Die andere halbe Stelle ist an der Fakultät für Philologie angesiedelt, das ist eine übergreifende Organisationseinheit für alle Fächer, die etwas mit Sprache und Literatur zu tun haben. Dort kümmere ich mich um Praxisanteile in der Lehre. Das sieht im Moment vor allem so aus, dass ich Seminare mit Berufsbezug gebe, damit die Studierenden schon mal ein bisschen üben und ein Gefühl dafür entwickeln, was sie können und wie sich das im Berufsleben anwenden lässt.


Mein Alltag war besonders seit Corona stark von der ersten Stelle dominiert, denn es gab einen vielfachen Mehrbedarf an Kommunikation mit den Studierenden, die natürlich genau so viele Fragen hatten wie wir und für die es schwierig war und ist, ihr Studium fortzuführen, wenn der Ort zum Lernen und Diskutieren gemeinsam mit anderen fehlt. Zusätzlich zur Verunsicherung während des Lockdowns wurde die Uni im Mai auch noch gehackt, zahlreiche IT-Systeme und damit auch universitäre Institutionen waren lahmgelegt. Es hat ganz schön Kraft gekostet, dafür zu sorgen, dass alles weiterläuft, notwendige Informationen in Richtung der Lehrenden, der Studierenden, der Verwaltung hin- und herzureichen und außerdem so ein bisschen Beruhigung auszustrahlen: Alles gut, wir sorgen dafür, dass es weitergeht.

Ich behaupte mal, dass Bücher Deine Leidenschaft sind und das ein Leben ohne Lesen nicht vorstellbar ist, oder?

Stimmt, aber ich hatte besonders in letzter Zeit auch schon Phasen, da war ich zu müde oder mein Kopf war zu verstopft, um noch etwas Intelligentes zu lesen. Im Allgemeinen aber: Ja, da liegen schon immer mehrere Stapel in der Wohnung rum, in verschiedenen Stadien der Verarbeitung …

Erinnerst Du Dich noch daran, wie Du zum Lesen gekommen bist und welche Rolle Bücher in Deiner Kindheit gespielt haben?

Das ist relativ einfach, ich komme aus einer Familie von Lesern. Ich weiß nicht, wie meine Oma, die selbst nicht so viel las, es geschafft hat, zwei Kinder zu erziehen, für die Lesen das Größte war, meine Mutter und meinen Patenonkel. Vermutlich war es in den engen Wohnungen der unmittelbaren Nachkriegszeit, wo man mit Eltern, Großeltern und evtl. noch einquartierten Leuten auf zwei Zimmern wohnte, die einzige Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wenn man ein Buch vor der Nase hatte. Aber das müssen die anderen ja auch tolerieren. Kurz, meine Mutter, eine unersättliche Leserin auch des Feuilletons, hat mir in den frühen Siebzigern alles an innovativen Bilderbüchern vorgelesen, was ins Deutsche übersetzt wurde, tschechische, französische Bilderbücher und so weiter. Außerdem kann sie viele Gedichte auswendig, die Balladen von Schiller zum Beispiel. Als ich in die Schule kam, habe ich dann schnell lesen gelernt und kurz danach die Gemeindebibliothek neben der Kirche entdeckt. Und mit acht oder so dann „Die Söhne der großen Bärin“ von Liselotte Welskopf-Henrich gelesen. Das sind sechs Bände à 500 Seiten, und ich weiß noch, wie schwer es mir gefallen ist, der Handlung zu folgen, ich war einfach viel zu jung dafür. Aber Indianer (so hießen die damals) fand ich das Größte, und die Autorin – übrigens eine Althistorikerin, die im Widerstand gegen die Nazis gewesen war und sich dann bewusst entschieden hatte, in der DDR zu leben – erzählte viel überzeugender aus indigener Perspektive als der fade Karl May, bei dem in der Prärie immer nur ein Sachse dem andern begegnet. Kein Wunder, denn sie hat auch unter den Dakota gelebt. Das war jedenfalls mein Initialerlebnis mit einem dicken Buch (bzw. gleich mehreren) und danach hab ich mich dann durch alles durchgefräst, was ich kriegen konnte.

War Dir schon früh klar, dass Du einen Beruf mit Worten ergreifen möchtest?

Ich kann ja nichts anderes. Da kamen ein paar Dinge zusammen. Als ich 15 oder 16 war, machten wir mal eine Klassenfahrt nach Heidelberg, und danach stand für mich fest, dass ich da studieren wollte. Und dann kam mir der Gedanke Journalistin zu werden. Ich hab damals schon ziemlich viel Zeitung gelesen, bei uns lag alles Mögliche herum, weil mein Vater fast alle großen Zeitungen und Zeitschriften bekam, seine Firma schaltete überall Anzeigen. Und Journalistin zu werden, war so meine Vorstellung davon, was ich machen könnte. Dann habe ich das übliche Praktikum bei der Lokalzeitung gemacht und so weiter.

Hattest Du auch noch andere Studiengänge in der engeren Auswahl?

Nein, da hab ich überhaupt nicht drüber nachgedacht.

Du hast Germanistik und Italienisch studiert, hast in Italien und Kanada gelebt – was war daran für Dich besonders eindrucksvoll?

Italien war, so banal es auch klingt, seit meiner Teenagerzeit das Land meiner Sehnsucht. Alle Italienklischees hab ich voll ausgelebt: Eine heftige Liebe, das gute Essen genossen, die Sonne, die Kunst, die Landschaft. Mir gefiel aber auch die Unkompliziertheit, mit der man da ins Gespräch kam, miteinander lachte, und dann diese ganze Kombination aus Grandezza, Sprezzatura (etwa: Lässigkeit) und großem Melodram, wie es sich in den Opern, aber auch in den Liedern der Cantautori und sogar im täglichen Leben abbildet. Da sieht man tatsächlich einen Jungen unter dem Fenster seiner Freundin ein schmachtendes Lied singen, und es macht ihm gar nichts aus (im Gegenteil), dass die Passanten dabei zuschauen. So was gab’s in Deutschland in den Achtzigern nicht. Ich konnte dann schon ganz gut Italienisch, als ich mit einem der ersten Erasmus-Jahrgänge nach Bologna kam, und die sechs Monate waren ein Fest, auch weil ich eine richtig gute Vorlesung gehört und mich in ein wissenschaftliches Thema richtig reingearbeitet habe. Aber auch wegen der Stehplätze in der Oper, für die man drei Tage und drei Nächte reihum anstand, wegen der Vorlesung in historischem Gemäuer morgens um acht, nach der man erstmal Cappuccino in einer vollgestopften Bar trinken ging, und wegen der hundert Sorten Gemüse, die ich kennengelernt und gekocht habe.
In Kanada, wo ich ein Jahr lang ein Masterprogramm besucht habe, war es ganz anders, aber genauso gewinnbringend. Anfang der Neunziger eine Gesellschaft zu erleben, in der quasi alle einen „Migrationshintergrund“ haben und dementsprechend entspannt mit kulturellen Unterschieden umgehen, war aufregend für mich. Auch mit anderen Verschiedenheiten, z.B. der sexuellen Orientierung und des Zusammenlebens, ging man dort viel entspannter um. Es gab in Halifax an der Atlantikküste, wo ich war, eine bunte Künstlergemeinde, eine Filmhochschule, Jazzlokale, Poetry Slams, Leute, die mit Kettensägen Skulpturen herstellten. Aber eine ganz wichtige Erfahrung war auch die der Einsamkeit, nachdem im Mai das Studienjahr vorbei war und alle nach Hause fuhren – außer mir, ich hatte noch bis September meine Master-Arbeit zu schreiben. Das war ziemlich hart, so auf mich zurückgeworfen zu sein.

Bevor Du an die Uni zurückgekehrt bist, hast Du als Lektorin gearbeitet: Kannst Du Tipps geben, was man für diesen Beruf besonders mitbringen muss?

Heute würde ich davon abraten, den Beruf zu ergreifen. Es gibt kaum noch angestellte Lektor*innen in Verlagen, Freie machen den Job und werden oft sehr schlecht bezahlt für diese anspruchsvolle Arbeit. Wer unbedingt sein Leben mit dem Redigieren von Texten verbringen will, fährt vermutlich am besten mit einer klaren Sachkompetenz. Zum Beispiel kann eine Biologin wunderbar Sachbücher lektorieren, wenn sie zusätzlich sprachliches Gespür mitbringt. Ganz grundsätzlich ist zu sagen, dass die Arbeit mit Sprache die Arbeit an Unterschieden ist, wie glaube ich der Germanist Johannes Lehmann mal geschrieben hat, und je besser man die Nuancen der Sprache und ihrer Ausdrucksweisen kennt (viel lesen, viel schreiben ist der Schlüssel), desto besser wird man auch die Texte anderer verstehen und überarbeiten können. Verlagslektoren machen aber heute etwas ganz anderes, und sie heißen auch nicht mehr so, sondern „Produktmanager“ oder so ähnlich. Da geht es darum, Trends aufzuspüren, ein Programm zu planen, Marketingtexte zu schreiben, und natürlich Autor*innen zu finden und zu betreuen. Dazu muss man Menschen wirklich liebhaben…

Apropos Beruf: Du gibst (als Lehrende an der Ruhr-Universität Bochum in den Fächern Komparatistik und Germanistik) viele Seminare, die sich mit praktischen Aspekten der Literaturvermittlung, der Literaturarbeit und des Schreibens beschäftigen – warum ist das Deiner Meinung nach besonders wichtig?

Studierende stehen heute unter einem enormen Druck, einen erfolgreichen Lebenslauf hinzulegen. Zugleich fühlen sie sich überflutet von einem riesigen Informationsangebot. Das war an der Uni schon immer überwältigend, heute ist es beängstigend geworden, und es ist schwieriger, sich in diesem Dickicht Orientierung zu verschaffen. Studierende sind Menschen im Prozess des Erwachsenwerdens, deren Aufgabe es ist, sich durch dieses Dickicht an Information durchzukämpfen und gleichzeitig herauszufinden, wer sie selbst sind. Dazu ist das Studium da, es ist keine Berufsausbildung im engeren Sinne, zumindest nicht in unseren Fächern. Studierende befinden sich anders als ihre berufstätigen Altersgenossen in der privilegierten Lage, sich über sich selbst und die Welt noch einmal gründlich Gedanken machen zu können, bevor es „an die Schüppe geht“. Dieser Freiraum ist von allen Seiten bedrängt, von finanziellen Engpässen, familiären Verpflichtungen, Regelstudienzeit, BaföG-Vorschriften, aber eben auch von dem Erwartungsdruck, „etwas zu werden“. Dabei übersehen die Studis oft, dass sie schon jemand sind. Sie wissen oft nicht, was sie gut können oder was sie wollen. Seminare mit Praxisanteil dienen dazu, das zu erproben. An einem Projekt, an dem man engagiert mitgearbeitet hat, sei es nun eine Veröffentlichung, eine Ausstellung, ein Podcast oder was auch immer, kann man sehen, dass man in der Lage ist, gemeinsam mit anderen etwas auf die Beine zu stellen. Anders als bei einer Prüfung oder einer Hausarbeit, die kein fachfremder Mensch je lesen will, kann man etwas vorzeigen. Außerdem entstehen dabei oft Kontakte „zur Außenwelt“, und zwar zur fachlich interessanten Außenwelt, die später bei der Jobsuche oft den Ausschlag geben.

Deine Leidenschaft ist es nicht nur, Bücher zu lesen, sondern mit ihnen zu arbeiten und das auch analytisch, als Literaturwissenschaftlerin. Worin liegt der Reiz, sich wochen- oder gar monatelang in Bibliotheken zu begeben und sich kleinteilig mit einem Thema zu befassen? Ist diese Arbeit nicht auch manchmal sehr einsam?

Einsamkeit ist im Gegenteil das, was man dazu braucht. Um überhaupt die gedankliche Tiefe zu erreichen, die ein guter wissenschaftlicher Vortrag oder Aufsatz braucht, muss man Ruhe haben, vor allem in sich. Konzentriert an einem Sachthema zu arbeiten, ist so erschöpfend wie entspannend, weil man ganz bei sich und beim Thema sein kann. Und in der Regel arbeitet man ja nicht für die Schublade, sondern bereitet einen Vortrag oder eine Veröffentlichung vor. Die Ergebnisse monatelanger Recherche vor Kolleg*innen vorzustellen, war für mich anfangs furchteinflößend, mittlerweile ist es ein Fest, weil danach der Austausch kommt, und manchmal auch jemand sagt: „So habe ich das noch gar nicht betrachtet, das gibt mir zu denken.“

Mit welchem Buch bist Du noch lange nicht fertig und warum?

Mit dem Buch, das ich in den letzten Jahren nicht geschafft habe zu schreiben, vermutlich. Wieso das nicht geklappt hat, darüber muss ich nochmal nachdenken. Jetzt habe ich den Eindruck, dass das Thema für mich auch vorbei ist. Aber die Frage war anders gemeint. Bücher, die ein Schlag in die Magengrube sind, weil sie einem zeigen, wie grausam Menschen sein können, wie verzweifelt oder auch wie großartig. Agota Kristof: Das große Heft. Kafkas Erzählungen. Kleists Dramen. Einige Romane von A.L. Kennedy und Elsa Morante. Viele Gedichte, von Philippe Jaccottet zum Beispiel.

Welches Buch möchtest Du gern schreiben?

Eins, das andere auch mit Gewinn lesen, ein originelles und ein bisschen witziges. Eins, das ich schaffe zu Ende zu schreiben. Vielleicht bin ich zu unruhig für die große Form. Oder zu undiszipliniert.

Ich werde oft nach Klassikern gefragt, die man gelesen haben sollte und tue mich mit der Antwort etwas schwer… Kannst Du uns ein paar nennen?

Da kann man nur entweder zu viele oder zu wenige nennen, oder? Überhaupt lesen, und dann möglichst keinen Schrott, also Sachen, die stilistisch sauber bis anspruchsvoll geschrieben sind und über die man auch mal nachdenken kann, das reicht doch schon. Wenn’s denn ein Klassiker sein muss, würde ich immer sagen: klein anfangen. Klebt euch ein kurzes Gedicht von Goethe, John Donne, Baudelaire an den Badezimmerspiegel. Wenn ihr merkt, ihr könnt es auswendig, tauscht es aus. Das hilft mehr als dicke Romane, das kann man lange mit sich herumtragen, und es fällt einem in unerwarteten Situationen überraschenderweise wieder ein und verknüpft sich mit dem eigenen Erleben.

Und Deine Favoriten unter den Gegenwartsautoren?

Alice Munro, Anne Carson, A.L. Kennedy, Ulrike Draesner, Barbara Köhler, Ulf Stolterfoht. Gerade lese ich den neuen Gedichtband von Marcel Beyer, „Dämonenräumdienst“. Großes Kino.

Wie bekommt man Kinder ans Buch und lässt sie (hoffentlich) zu Leserinnen und Lesern werden?

Vorlesen, vorsingen, mit in die Bibliothek und die Buchhandlung nehmen, selbst lesen.
Das funktioniert tadellos, bis zum Smartphone-Alter. Und dann wird’s spannend.

Gibt es ein Buch, in dessen Setting Du gern eintauchen würdest?

Die meisten guten Bücher sind einfach zu beklemmend, da würde ich mir vor dem Eintauchen garantieren lassen, dass ich unbehelligte Zuschauerin bleiben darf. Unter diesen Bedingungen vermutlich: bei den Irrfahrten des Odysseus dabei sein; in Derek Walcotts „Omeros“, das auf der Karibik-Insel St. Lucia spielt, im „No Pain Café“ sitzen; im Decameron Teil der Gruppe auf einem Landgut außerhalb von Florenz sein, die sich Geschichten erzählt, tanzt und singt und tafelt, während unten in der Stadt die Pest tobt.

Last but not least: Was muss die Wissenschaftspolitik in den nächsten Jahren dringend anders machen?

Was für eine Keule von einer letzten Frage! Wenn man die ganze hysterische Wettbewerbsförmigkeit in der Wissenschaftsförderung ein bisschen herunterfahren könnte, das fände ich schon ganz angenehm. Und eine gesunde Personalstruktur an den Hochschulen, mit einem Mittelbau, der festangestellt ist und auch ein bisschen Zeit zum Forschen haben darf. Und umgekehrt wünsche ich mir Geisteswissenschaftler*innen, die nicht in ihrer Blase bleiben, sondern mit der Welt sprechen. Nicht, weil wir auf diese Weise unbedingt legitimieren müssten, dass wir die Steuerzahlerin Geld kosten, sondern weil man den Wert des konzentrierten Nachdenkens über Kunst, Literatur, Kultur, Geschichte damit glaubhaft und schmackhaft machen könnte.

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