Träume von Wellen, Wildnis, Welt einfangen. Zwei Romane und eine Erzählung über den Sehnsuchtsort schlechthin

(Werbung, da Rezensionsexemplare)

Vivian

Die dänische Autorin Christina Hesselholdt widmet sich in „Vivian“ dem ungewöhnlichen Leben und Schaffen der 2009 verstorbenen Straßenfotografin Vivian Maier. Gut 200.000 Fotos hat Maier im Laufe ihres Lebens aufgenommen, die sich besonders durch ihre vermeintliche Alltäglichkeit und die unverstellte Direktheit des Gezeigten auszeichnen. Hesselholdt begibt sich auf die Spur Vivian Maiers und die literarische Form, die sie dafür wählt, ist überaus passend, denn ihr Text gleicht einem Puzzle aus verschiedenen Blickwinkeln, die zusammengenommen einen Eindruck davon ergeben, wer Vivian Maier tatsächlich gewesen sein könnte und was sie umtrieb.

Lange Jahre verdiente Maier sich ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen, doch auch in Begleitung ihrer jungen Schützlinge zählte für sie vor allem eins: Die Jagd nach Motiven, nach Augenblicken, Personen und Szenen, die es einzufangen und zu sammeln galt, denn im nächsten Moment war das Leben schon wieder ein ganzes Stück weiter gezogen und die gerade noch beobachtbare Situation war unwiederbringlich verloren.

Maier war keine Flaneurin, die durch die Straßen New Yorks zog und ab und an mal ein Foto schoss, im Gegenteil: Sie ging nicht, sondern sie lief und machte unterdessen eilige Fotos. Wer heute ihre Bilder betrachtet, weiß, dass Maiers Mühen keinesfalls umsonst waren, denn das Einfangen der von ihr gesehenen Einmaligkeit ist ihr in wirklich vielen Fotografien gelungen. Hesselholdts literarische Hommage ist eine spannende und stellenweise beinah atemlose Lektüre in Sätzen, die nachzeichnen, was Maiers Leben und Streben ausmachte. Das dabei entstehende Bild ist ebenso lebendig wie unstet, unheimlich anziehend, bisweilen auch etwas erschreckend, aber niemals unscharf.

Christina Hesselholdt: Vivian. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Hanser Berlin 2020. ISBN: 978-3-446-26589-9, 208 Seiten. Preis: 21,00 Euro.

Norden

„Norden“ ist der Debütroman der belgischen Schriftstellerin Sien Volders, die ihre Leserinnen und Leser mit in den wilden Norden Kanadas nimmt. Die Protagonisten Sarah steht beruflich und privat an einem Scheideweg und hat unlängst eine Nachricht erhalten, die ihr sehr zu denken gibt. Sarah weiß, dass von ihrer Entscheidung eine ganze Menge abhängt und sie braucht einen freien Kopf, um nachdenken und sich sortieren zu können. Also packt sie ihre Tasche, tankt den Wagen auf und begibt sich von Vancouver aus auf eine fünf Tage dauernde Fahrt gen Norden.

Sarah landet in Forty Miles, einer Goldgräberstadt an der Grenze zu Alaska, die genau der Ort zu sein scheint, nach dem die junge Frau ohne es zu wissen gesucht hat. Doch vor ihr liegt nun nicht nur ein scheinbar endloses, wildes Land, sondern nicht weniger als die Chance auf ein komplett neues Leben und mit dieser Erkenntnis fängt das Abenteuer für Sarah erst so richtig an.

Sien Volders: Norden. Aus dem Niederländischen übersetzt von Bettina Bach. Reidenz Verlag 2020. ISBN: 9783701717347, 288 Seiten. Preis: 24,00 Euro.

Mein Gotland

Zuletzt möchte ich euch dieses schmale Buch von Anne von Canal vorstellen, das den wohl schönsten Untertitel trägt: „Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit“. Die schwedische Insel Gotland ist für Anne von Canal ein ganz besonderer Sehnsuchtsort, den sie immer wieder aufsucht und für den sie nun gewissermaßen ein literarisches Gewand geschneidert hat. Für die Schriftstellerin ist die für ihre raue Natur bekannte Insel vor allem ein Ort des Winters, die Jahreszeit, zu der die meisten anderen Besucher längst wieder abgereist sind und die Insel eine unverwechselbare Ruhe ausstrahlt.

In „Mein Gotland“ verweben sich persönliche Eindrücke sowie Schilderungen besonderer Inselerfahrungen mit den Geschichten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, die teils ungewöhnliche Zeitgenossen sind, welche Inseln scheinbar magisch anziehen. Doch es gibt noch eine weitere Ebene dieses Buches, die mich sehr fasziniert hat, denn fast beiläufig schreibt von Canal so wahre und wunderschöne Sätze über die Inselsehnsucht an sich, die all jene kennen, welche sich von Zeit zu Zeit weit weg sehnen und zwar am liebsten auf eine Insel. Ein Ort eben, an dem die Uhren scheinbar anders gehen, das Leben einem Rhythmus aus Wellen und Wind folgt und man vielleicht mehr von dem Sein hätte, das man sich in lichten Momenten erträumt hat.

Ein wirklich wunderbares Buch über Gotland, das Fernweh weckt, aber da ist noch mehr und das ist nichts Äußerliches, denn von Canals Schreiben sucht nicht nur Weite, sondern auch Tiefe, und ich bin ihr von Seite zu Seite dabei äußerst gern gefolgt.

Anne von Canal: Mein Gotland. Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit. Mare Verlag 2020. ISBN: 978-3-86648-623-2, 144 Seiten. Preis: 18,00 Euro.

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