Kosmischer Plan oder konstruierte Zusammenhänge? Maria Popovas Fixsterne des Denkens

(Rezensionsexemplar)

Maria Popova ist eine begeisterte Leserin und hat die Gabe, aus der Fülle all dessen, was sie gelesen, gesehen und recherchiert hat, neue Geschichten zu erschaffen. Auf ihrem äußerst populären Blog „Brain pickings“ versammelt sie schon seit Jahren die Quintessenz all der literarischen und kulturellen Texte, die sie fasziniert haben. Während man dort mitliest und stöbert, findet man meist wirklich außergewöhnliche Bücher, die gekonnt gezeigt und kommentiert werden. Popovas Buch „Findungen“ funktioniert ähnlich, denn auch hier sind es zunächst einzelne Großereignisse der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte, der Literatur und Poesie, die die Autorin detailreich und mit einem fundierten Hintergrundwissen nicht unbedingt zu einer Einheit, aber zu einem Netz aus Sternstunden des Denkens, Schreibens, Forschens und des Liebens verwebt. Denn Popova porträtiert nicht bloß die Entdeckungen und Werke von Johannes Kepler, Emily Dickinson oder auch Rachel Carson, sondern zeigt, wie unauflöslich Leben und Werk sowie die Liebe zu Weisheit, Wissen und wahren Worten miteinander verbunden sind.

Von Keppler bis Carson

Popova beschreibt den bereits erwähnten Johannes Keppler als einen Kämpfer, der sich unermüdlich für das Gute und Wahre einsetzt, ganz egal, ob es sich dabei um die Dynamik der Planetengesetze handelt oder um die grausamen Hexenprozesse, denen Kepplers Mutter aufgrund übler Nachrede zum Opfer fiel. Sie leuchtet die großen, den Lauf unserer Wissenschaftsgeschichte maßgeblich prägenden Momente aus, die aus einem Leben, das einer Geistesgröße werden lassen, und sie umkreist dabei die Situationen, Lebensumstände und Menschen, die beispielweise auch Maria Mitchell dabei geholfen haben, besondere astronomische Entdeckungen zu machen und noch im selben Atemzug für die Frauenrechte in den USA einzustehen.

Beinah mythisch überhöht

Aber es sind nicht bloß einzelne biographische Erzählungen, die Popova in „Findungen“ ausbreitet, es ist hingegen ein ebenso lineares wie bruchstückhaftes Narrativ von Wegen durch die Geschichte bahnbrechender Entdeckungen und wegweisender Poesie. Dabei wird Popova nicht müde, auf Verbindungen zwischen den einzelnen Akteuren hinzuweisen, und zwar auch dann, wenn diese sich weder kannten noch direkt beeinflussten und es Jahrhunderte sind, die sie trennen. Es sind Jahreszahlen, bestimmte Zeitabstände oder auch andere Zufälle, die hier teilweise fast schon mythisch überhöht werden und eben nicht als Zufall, sondern als Schicksal gedeutet werden, sodass sich letztlich eine Spannung ergibt: Einerseits will Popova klar machen, dass wir nur der berühmte Wimpernschlag im Universum sind und dass wir unendlich klein und unbedeutend erscheinen, wenn wir uns das große Ganze ansehen. Andererseits gibt es Denkereignisse, die größer sind als jeder einzelne von uns, und zwischen diesen Glanzlichtern konstruiert die Autorin Zusammenhänge, die rückblickend zwar folgerichtig erscheinen, die das jedoch freilich nicht sind. Denn das, was Kepler, Hawthorne und Rachel Carson verbindet, das ist kein kosmischer Plan, sondern die Auswahl und der besondere Blickwinkel Maria Popovas.

Geniegedanken?

„Findungen“ ist ein Buch, das ich – und das meine ich wirklich nicht zynisch – mit Anfang zwanzig verschlungen hätte. Ich wäre zutiefst beeindruckt gewesen von der Verbindung zwischen Geistesgröße, menschlichem Anstand und ehrlicher Liebe und ich hätte mich in mein Studium gestürzt, um auch nur einem Funken dieses Genies nachzueifern. Heute, gut 15 Jahre später, habe ich so einiges studiert und bin mir mittlerweile recht sicher, dass es vor allem zwei Dinge gibt, die man nicht unterschätzen darf: das eine ist der Zufall und das andere ist die nachträgliche Idealisierung verschwommener Erinnerungen.

Maria Popova: Findungen. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer, Heike Reissig und Tobias Rothenbücher. Diogenes Verlag 2020. ISBN: 978-3-257-07127-6, 896 Seiten. Preis: 28,00 Euro.

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