Dreh dich nicht um – Evie Wylds Roman „Die Frauen“ beeindruckt nachdrücklich

Ein zugiges Haus am Meer mit Blick auf eine unbewohnte Felseninsel, genannt Bass Rock, die den Jahrhunderten trotzt und alle Menschen überdauert. Evie Wylds Roman „Die Frauen“ stellt drei Frauen aus unterschiedlichen Zeiten in den Mittelpunkt der Handlung, doch verwoben sind die Geschichten dieser Protagonistinnen mit so viel mehr.

Da ist Ruth Hamilton, die nach dem Krieg heiratet und als Stiefmutter zweier Jungs in das große, dunkle Haus einzieht. Sie tritt kein leichtes Erbe an und ihr Mann verbringt viel Zeit bei seiner Arbeit in London, sodass Ruth keine andere Wahl hat, als sich mit der Abgeschiedenheit und den seltsamen Sitten und Bräuchen in North Berwick zu arrangieren. Der ortsansässige Reverend, der ein besonders waches Auge auf all seine ‚Schäfchen‘ zu haben scheint, bittet Ruth, das alljährliche Winterpicknick auszurichten und was währenddessen geschieht – ja zu geschehen hat – ist ebenso ungeheuerlich, wie schwer in Worte zu fassen und genau das trifft auch in Gänze auf diesen außergewöhnlichen Roman zu.

Denn die Frauen, von denen hier erzählt wird, leben gefährlich und das nicht, weil sie in einer besonders prekären Lage wären, sondern letztlich, weil sie Frauen sind. Weil sie Männer verhexen, weil sie Männern gefügig sein müssen, weil sie bedroht und misshandelt werden und weil sie nirgends sicher sind. Es ist das Mädchen, das damals, vor Jahrhunderten schon, schwer verletzt im Wald gefunden wurde, aber die junge Frau in der U-Bahn ist es ebenfalls.

Kind im Schrank

Es ist das Kind, das in einem Schrank sitzt und es ist die Frau, die sich dauernd umsieht, wenn sie die Straße entlang geht. Sie alle fürchten sich vor dem Atem, den sie plötzlich riechen können, vor Händen, die sie wie zufällig streifen, vor Körpern, die sie niederdrücken – sie wissen, dass das, was sie bedroht, uralt ist und dennoch sind sie ausgeliefert und das nicht, weil sie etwas getan hätten, sondern nur, weil sie sind und sich der Stärkere mit Gewalt nahm und nimmt, was er besitzen will.

Ich habe Evie Wylds „Die Frauen“ mit anhaltender Bewunderung verschlungen, denn dieses Buch ist für mich die beste Neuerscheinung des bisherigen Jahres. Es ist eine wilde, brutale und doch unheimlich klare und faszinierende, Zeiten, Leben und Figuren umspannende Geschichte, die mit einer einmaligen Atmosphäre zusammentrifft.

Ruth, wie sie am Strand steht, den Blick auf Bass Rock gerichtet, Wind in den Haaren und ein sich langsam ausbreitendes Frösteln an den Schultern spürend – und ich als Leserin dieses fantastisch gewaltigen Romans, ahne vielleicht schon, was da aus der Dunkelheit auf sie zukommt, aber zu Atem kam auch ich erst wieder nach der letzten Seite.

Eine unbedingte Empfehlung für alle, die sich von einem Buch mal wieder so richtig bewegen bis erschüttern lassen wollen, denn „Die Frauen“ ist noch lange nicht vorbei, wenn es zu Ende ist.

Evie Wyld: Die Frauen. Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Rowohlt Verlag 2021. ISBN: 978-3-498-00206-0, 512 Seiten. Preis: 22,00 Euro.

P.S.: Normalerweise mag ich es gar nicht, wenn ich während des Lesens schon an die Verfilmung bei Netflix/Amazon denken muss, weil ich den Eindruck habe, dass immer mehr Romane schon auf dieses Ziel hin geschrieben werden. Aber hier wünsche ich mir einen Film – gerne mit Nicole Kidman und Michael Fassbender. Vielen Dank :).

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