Vergrabene Erinnerungen

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

Die Hauptfigur des neuen Romans „Klara Vergessen“ von Isabelle Autissier ist der Ornithologe Juri, der an einer amerikanischen Universität arbeitet und sich dort gemeinsam mit seinem Partner ein gutes Leben aufgebaut hat. Ursprünglich stammt Juri aus der nördlich des Polarkreis liegenden Hafenstadt Murmansk, doch die Erinnerungen an seine Vergangenheit haben kaum mehr Platz in seinem Leben, denn seine Kindheit und Jugend waren hart. Nachdem er die Nachricht erhält, dass sein Vater Rubin schwer erkrankt ist, bleibt Juri nicht mehr viel Zeit für eine letzte Begegnung. Und so macht er sich zum ersten Mal seit seiner Ausreise auf den Weg zurück in seine Heimatstadt, die ihm zugleich fremd und vertraut erscheint. Tatsächlich schafft er es rechtzeitig an Rubins Krankenbett und bekommt einen letzten Auftrag von dem Sterbenden, der unbedingt wissen will, was es mit dem plötzlichen Verschwinden seiner Mutter Klara vor vielen Jahrzehnten auf sich hatte. Nach einigem Zögern begibt Juri sich tatsächlich auf die Spur seiner Großmutter, doch er wird bald schon feststellen, dass eine Reise in die Vergangenheit auch von ihm Opfer verlangt und er muss tief vergrabene Erinnerungen zulassen, die offenbaren, dass Juri mehr mit seinem Vater gemein hat, als ihm vielleicht lieb ist.

Autissier schreibt eine souveräne Prosa und sie beherrscht das langsame Entfalten verschiedener Erzählebenen und Wahrheiten sehr gekonnt. Juris Reise in die Geschichte seiner Familie ist durchaus interessant, aber nicht wirklich aufregend und das, obwohl schreckliche Dinge ans Licht kommen. Alles wird planvoll und geordnet hintereinander weg erzählt und dass dabei nicht aus Juris Perspektive, sondern über ihn gesprochen wird, verschärft noch die Distanz zwischen Leserin und Figur. „Klara Vergessen“ ist ein gut erzählter und durchaus stimmungsvoller Roman, aber es ist eine Geschichte, wie es viele gibt, und kein Buch, das ich lange erinnern werde.

Isabelle Autissier: Klara Vergessen. Übersetzt von Kirsten Gleinig.

Mare Verlag 2020, 304 Seiten

ISBN: 978-3-86648-627-0, Preis: 24,00 Euro.

Hier geht es zur Buchseite des Verlags.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.