Catch me if you can

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

Benjamin Quaderers Roman „Für immer die Alpen“ hat mich sofort in seinen Bann gezogen. „Mein Name war einmal Johann Kaiser“ – so lautet der erste Satz, der schon darauf hinweist, dass hier rückblickend erzählt wird. Direkt im Anschluss erfahren wir, dass uns ein nunmehr 54jähriger Erzähler Auskunft darüber geben wird, warum er jetzt einen anderen Namen trägt und wie er zum meistgesuchten Mann seiner Heimat Liechtenstein wurde. Das Besondere an Quaderers Debütroman gibt es dabei eigentlich gar nicht, sondern es sind gleich mehrere Besonderheiten, die diesen Roman zu einer Ausnahmeerscheinung machen: Zum einen schreibt Quaderer virtuos gut und mit einer so selbstsicheren Souveränität, als hätte er schon einige Regalmeter Romane geschrieben. Es ist die Eloquenz des äußerst belesenen Schriftstellers, die aus Johann Kaisers Lebensgeschichte erstrahlt und die das Buch zu einem Vergnügen macht, gerade auch für Freunde literarischer Rätsel.

„Für immer die Alpen“ ist ebenso ein Schelmen- wie ein Entwicklungsroman und es ist die Geschichte eines Hochstaplers, der seine Kunst so gut versteht, dass er auf mehreren Ebenen gleichzeitig agiert. Und damit meine ich nicht nur, was sich zwischen dem Fürstentum Liechtenstein, Barcelona, Australien und Argentinien (sowie an vielen weiteren Schauplätzen) abspielt, sondern insbesondere die Art und Weise, wie Quaderer seinen Text aufgebaut hat. Es sind die Erinnerungen Johann Kaisers, die in einer Vielzahl von Notizbüchern lagern, welche mittlerweile auch digitalisiert wurden, da der sich verfolgt fühlende Staatsfeind unbedingt auf Nummer sicher gehen will. Denn Kaiser weiß genau, wie sehr Erinnerungen trügen können…

Literarischer Hütchenspieler

Der Erzähler zitiert sich fortlaufend selbst und macht kenntlich, wenn er auf eigene wie auf fremde Quellen zugreift, sodass der Roman gespickt ist mit Fußnoten, die an manchen Stellen gar einen parallelen Handlungsstrang verfolgen, der – und das ist besonders raffiniert – dem Haupttext gewissermaßen widerspricht, indem verschiedene Zeitebenen gegenübergestellt werden, sodass das eigentliche Geschehen vertuscht wird. Kaiser ist eine Art literarischer Hütchenspieler, dem nur beikommt, wer ganz genau hinschaut und zugleich noch zwischen den Zeilen zu lesen vermag.

Manchmal muss zurück- und dann wieder nach vorn geblättert werden, um zu verstehen, wo sich unser Held gerade tatsächlich befindet und um zu verhindern, dass er dem Leser ebenso entwischt wie der Polizei. Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Johann Kaiser nicht mehr der sein darf, als der er geboren wurde? Er selbst gibt sich als Sohn der Industriellenfamilie Hilti aus, um mit den vermögenden neuen Freunden, die er auf einer spanischen Privatschule kennenlernt, mithalten zu können. Wie er dort hingeraten ist, ist beinah ein ganz eigener Roman, denn eigentlich sucht der kleine Johann aus Liechtenstein doch nur seine verschollene Mutter, bevor er in die Fürsorge einer gemeinen Pflegemutter gerät. Mit einem Mal ist Johann ein Waisenjunge, dem durch einen Zufall die Gunst der bezaubernden Fürstin Gina zuteil wird, die Johanns Leben mehr als einmal positiv beeinflussen wird und ihn nicht nur mit der richtigen Lektüre versorgt. Wem das schon verwirrend vorkommt, der sei gewarnt, denn in „Für immer die Alpen“ geht es noch weitaus rasanter zu als in meiner Beschreibung.

Grüße an Borges und Nabokov

Johann beginnt sein metafiktionales Zeugnis mit seiner Geburt und frühesten Wahrnehmungen im Säuglingsalter und zündet dabei ein literarisches Feuerwerk, das ebenso an Laurence Sternes „Tristram Shandy Gentleman“ wie an Mark Z. Danielewksis „Das Haus“ und Donna Tartts „Der Distelfink“ erinnert, während er sich vor Jorge Luis Borges und Vladimir Nabokov verbeugt.

Im letzten Teil des Buches kommt es dann zum eigentlichen Showdown, denn Johann ist im Besitz umfangreicher Kundendaten einer Liechtensteiner Bank und wird damit zu einer echten Bedrohung für das kleine Land, in das er trotz aller Widrigkeiten immer wieder zurückkehrt. Ich muss gestehen, dass dieser letzte, gut 200 Seiten umfassende Teil die ein oder andere Kürzung hätte vertragen können, denn auch wenn die hier ermöglichte Parallellektüre aus Sicht von Johann und der seines Verfolgers sehr reizvoll ist, birgt die Figur des Hochstaplers immer auch die Gefahr, als neunmalkluge Nervensäge zu erscheinen, und das ist am Ende bisweilen geschehen. Nichtsdestotrotz ist „Für immer die Alpen“ ein fast beunruhigend gutes Buch und ich bin mehr als gespannt, womit Benjamin Quaderer künftig aufwarten wird.  

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen.

Luchterhand Literaturverlag München 2020, 592 Seiten.

ISBN: 978-3-630-87613-9, Preis: 22,00 Euro.

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