Vier Leben. Ein großer Roman über Freundschaft

Vier Freundinnen, vier Leben und deren Geschichten. Die Verzweigungen ihrer Familien, die Entwicklungen des Viertels, in dem sie aufgewachsen sind, unaufhaltbare Veränderungen einer Stadt und das Schicksal eines ganzen Landes.

In Nino Haratischwilis neuem Roman „Das mangelnde Licht“ ist nichts klein oder bloß angedeutet, sondern es wird ausgiebig erzählt. Die Hauptfigur Keto befindet sich gemeinsam mit ihren Freundinnen in einem Ausstellungsraum in Brüssel, um Fotografien aus ihrer Vergangenheit anzuschauen, doch eine von ihnen fehlt…

Keto, Dina, Nene und Ira, das sind die vier Frauen, zu Beginn des Romans noch Kinder, die in den 1980er Jahren in der georgischen Hauptstadt Tiflis aufwachsen und die eine ganz besondere Freundschaft für immer verbinden wird.

Menschen aus dem Viertel

Aus Ketos Perspektive entwickeln sich nach und nach die vergangenen Jahrzehnte, wird nachvollzogen, wie es all den Menschen aus dem Viertel ergangen ist und wir als Leser:in beginnen zu verstehen, wie jede der Frauen werden konnte, was sie heute ist.

Kindheit und Jugend in Tiflis sind neben sehr schönen Erfahrungen des Zusammenhalts auch geprägt von Kampf und Gewalt und es sind keineswegs die Rivalitäten der Frauen, sondern die Machtkämpfe der Männer, die hier alle Leben durchziehen, unheilvoll prägen und manchmal gänzlich zerstören.

Ketos Bruder Rati ist hoffnungslos verliebt in ihre beste Freundin Dina, aber es zerreißt ihn oft, denn tagsüber, auf der Straße und mit seinen Jungs muss er Stärke zeigen. Denn genau dort, zwischen den Häusern der Tblissiser Altstadt, sieht Rati seine berufliche Zukunft, die in die organisierte Kriminalität führt.

Immer heftiger geht es darum, wer in welchem Viertel das Sagen hat und Rati ist einer von zahlreichen jungen Männern, der sich in alte Rollenmuster zwängt, weil er für sich selbst keine erstrebenswerte Alternative sieht. In diesen Welten hat alles einen ganz bestimmten Platz und besonders den Frauen wird äußerst deutlich gemacht, wo sie hingehören, was von ihnen erwartet wird und welche Grenzen sie besser nicht überschreiten sollten.

„Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili

Vier Freundinnen

Doch keine der vier Freundinnen ist so angepasst und leise, wie andere es gerne von ihnen hätten. Stattdessen muss jede auf ihre Weise herausfinden, wie sich die eigene Vorstellung vom Leben mit den Erwartungen anderer, mit gesellschaftlichen Verpflichtungen und brutalen Schicksalsschlägen verknüpfen lässt. Frei von Verlusten bleibt dabei keine von ihnen.

Während Dina stets zu wissen scheint, was sie will, Nene von der ganz großen Liebe träumt und sich Ira auf ihre Karriere konzentriert, ist die Erzählerin Keto all das zugleich und ebenso nichts davon wirklich. Sie ist die Suchende, die alle Fäden zusammenführt, die sich heftigen Selbstzweifeln aussetzt und die alles geben muss, um ein kleines Stück vom Glück für sich selbst zu gewinnen.

In Ketos Augen sind es die anderen Frauen, auf die sie die Erzählung lenkt, die die meiste Beachtung verdient haben. Aber zwischen all den von ihr geleisteten Zusammenführungen und Erinnerungen ergibt sich auch immer deutlicher ihre eigene Geschichte, die von großem Mut und trotz aller Widrigkeiten von einem lauten „Ja“ zum Leben geprägt ist.

Das mangelnde Licht

„Das mangelnde Licht“ ist ein großer, wirklich riesengroßer Roman über Freundschaft, über brutale und archaische Männerwelten, die alles vergiften, was mit ihnen in Kontakt tritt. Zudem ist es die Geschichte über die Liebe zu einem Land, das ein weitaus größeres Nachbarland gewaltvoll bedroht.

Nino Haratischwili lesen ist immer eine besondere Freude, aber gerade in diesen Zeiten war es für mich eine Offenbarung. Denn Keto hilft zu verstehen, wie das eine zum anderen kommt, und wie aus einem Rock ’n‘ Roll begeisterten Teenager ein rasend wütender Mann mit Waffe werden kann.

Eine absolute Empfehlung für alle Freundinnen und Freunde ausgiebig erzählter Lebensgeschichten mit weiten Verzweigungen, in die man so richtig eintauchen kann. Und das muss man auch, wenn man wieder auftauchen und ebenso verstanden wie gefühlt haben will, was die wunderbare Keto aus ihrem Leben gemacht hat und wie warm, großzügig, manchmal aber auch unerbittlich genau sie davon zu erzählen versteht.

Und ganz nebenbei: die Buchgestaltung dieses über 800 Seiten starken Werkes ist der Frankfurter Verlagsanstalt fantastisch gut gelungen!

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht. Frankfurter Verlagsanstalt 2022. ISBN: 9783627002930, 832 Seiten: Preis: 34,00 Euro.

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

Weitere Buchtipps von mir findet ihr hier.

2 comments Add yours
  1. Das klingt wirklich großartig! Ich kenne tatsächlich noch kein Buch von Nino Haratischwili. Die vielen Seiten haben mich dann doch letztendlich immer abgehalten, auch bei „Brilka“. Ich glaube, ich muss das aber doch bald mal ändern

    1. Liebe Tina,
      ich mochte auch „Juja“, das war (glaube ich) ihr erster Roman und der ist nicht ganz so dick :). „Das mangelnde Licht“ hat mir persönlich sogar besser gefallen als „Brilka“… Also wirklich eine große Empfehlung! Liebe Grüße, Simone

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