Ein fünftes Kind, oder: habt ihr euch das auch gut überlegt?

Habt ihr euch das auch gut überlegt? Oder war das vielleicht doch ein Unfall? (Zwinker, zwinker). Wie wollt ihr das denn eigentlich schaffen? Arbeiten wirst du ja dann nicht mehr, oder? Braucht ihr dann nicht ein neues Auto? Und was ist mit eurer Wohnsituation? Wo doch jetzt schon nicht jedes Kind ein eigenes Zimmer hat? Bist du dafür nicht eigentlich ein bisschen zu alt? Reichen denn nicht vier gesunde Kinder? Ihr fordert das Glück ja wirklich ganz schön heraus! Und was macht ihr, wenn das Kind nicht ganz gesund ist? Wie soll das gehen, wenn alle irgendwann studieren/den Führerschein/ein Auslandsjahr machen wollen? Habt ihr euch das auch gut überlegt?

Diese und andere Fragen habe ich in den letzten Wochen gestellt bekommen. Glücklicherweise nicht alle, denn manche davon finde ich so übergriffig, dass ich wohl kaum freundlich geantwortet hätte. Es ist für mich ein großes Rätsel, warum eine der privatesten Entscheidungen, die Menschen überhaupt treffen können, Anlass für ein so offenkundig vorgebrachtes Interesse an allem, was sehr persönlich ist, sein kann.

Fragt jemand seinen Nachbarn, was er verdient?

Fragt irgendjemand seine entfernten Bekannten danach, was sie eigentlich so wollen vom Leben? Fragt jemand seinen Nachbarn, was er verdient? Spielen Ärzte in anderen Situationen zukunftsgerichtete Planspiele und fragen dich, was in zehn oder fünfzehn Jahren ist? Mit dir, deiner Beziehung und deinem Kontostand? Gibt es andere Bereiche, in denen so direkt nach Zielen, Plänen und dem ganz eigenen Glück gefragt wird?

Ich versuche zu verstehen, woher das kommt, dass viele Menschen scheinbar davon ausgehen, ein Recht auf diese Art von Information zu haben. (Und dabei muss ich immer an das völlig deplatzierte Gespräch mit einem Makler denken, der mir – schwanger mit dem ersten Kind – unaufhörlich Fragen dazu stellte, ob ich denn stillen wolle und wie wir uns das Leben mit Kind überhaupt so vorstellen…)

Wäre es tatsächlich so, dass wir unsere Kinder in einem ‚Dorf‘ großziehen würden, wir gemeinsam mit unseren Verwandten und in einem gesellschaftlichen Gefüge lebten, in dem Nachbarn, Unbekannte und die Politik (!) Familien ganz selbstverständlich als wichtige Mitte der Gesellschaft ansehen würden, ja dann würde ich solche Fragen noch ein stückweit eher verstehen. Dann wäre jedes neue Kind ganz ohne Frage Teil einer Gemeinschaft, aber fühlt sich das im Hier und Jetzt für irgendwen so an?

Stellenwert von Familien

Die Gesellschaft, in der ich lebe, hat uns in den letzten zwei Jahren aufs Deutlichste gezeigt, welchen Stellenwert Familien in ihr haben und da kann ich solchen Fragen wirklich überhaupt keine Legitimation zugestehen. Alle Menschen, die mir eine dieser Fragen gestellt haben, haben nichts, aber auch gar nichts dazu beigetragen, dass wir es geschafft haben, vier Kinder halbwegs unbeschadet durch Corona zu bringen, haben uns nicht beigestanden, als wir nicht wussten, wie wir den nächsten Tag überstehen sollen, woher wir noch Kraft und Hoffnung schöpfen können.

Alle Menschen hingegen, die uns kennen, die uns unterstützen und die wissen, wie wir als Familie leben, haben sich mit uns über die schönsten aller Neuigkeiten gefreut und gesagt: das haben wir uns doch gedacht, dass da noch ein Kind kommen wird.

Denn meine Antwort auf die Frage, woher Kraft, Hoffnung und Motivation denn bloß kommen sollen, ist mit oder ohne Pandemie und mit allen Sorgen, Ängsten und Furchtbarkeiten dieser Welt ein und dieselbe: aus diesen Kindern natürlich – woher denn bitte sonst?

3 comments Add yours
  1. Hallo, ich denke dass viele dieser Fragen daher rühren, dass viele Menschen vielleicht durch aus gerne mehr Kinder hätten, aber schlichtweg zu wenig Mut und zu viel Angst davor haben. Mich eingeschlossen. Da erscheinen Familie wie ihr es seid, wie ein großes Wunderwerk und man wird dadurch mit Fragen aufgewühlt, weshalb man sich selbst nicht traut den Schritt zu gehen.
    Die vielen Fragen nach dem warum gehen eigentlich in die Richtung: wie ist ein solches Leben finanziell realisierbar, so dass es allen gut geht, eine gesunde Ernährung möglich ist, eigene Entwicklungsbestrebungen realisiert werden können. Es geht also um ganz existenzielle Fragen des Lebens.Vielleicht versuchst du die Neugier auch unter dieser Perspektive zu betrachten.

    1. Hey, danke für Deinen Kommentar! Und ich gebe dir recht – zumindest zur Hälfte 🙂 Es gibt viele Leute, die ein ehrliches Interesse haben und die daher solche Fragen stellen. Meist merkt man das aber auch sehr direkt: die Fragen sind dann nämlich auch sehr nett und positiv formuliert oder die Person ist direkt ganz offen und sagt: „wie macht ihr das denn eigentlich? Wir hätten auch gern mehr Kinder, sind aber unsicher, ob es klappt.“ Auf so etwas antworte ich immer gerne. ABER: Es gibt ebenso Menschen, die ihr eigenes Unverständnis und indirekte Vorwürfe in solchen Fragen verkleiden und in der Regel hören die dann eh nicht richtig hin, egal, was man antwortet. Die Meinung ist da meist eh schon vorgefertigt und es geht nicht um Interesse, sondern um Kritik. Und da antworte ich dann nicht so gerne und auch nicht so freundlich. Meist sind das zudem Leute, die man wirklich gar nicht besonders gut kennt und mit denen man auch sonst wenig Privates teilt. Liebe Grüße, Simone

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