Hallo Januar!

Auf einen erlebnis- und wortreichen Lückentext 2020

Heute ist der erste Tag eines neuen Jahres, ja eines neuen Jahrzehnts sogar! In den letzten Tagen habe ich viel Revue passieren lassen, Wünsche und Ideen für die Zukunft überdacht und einige konkrete Pläne geschmiedet, die ich hoffentlich in den kommenden zwölf Monaten auf den Weg bringen kann. Doch was bedeutet so ein Jahresanfang eigentlich? Für mich ist er wie ein wunderbar verheißungsvolles Notizbuch, das alle erdenklichen Möglichkeiten bereithält, gerade weil noch nichts festgeschrieben ist. Wenn ich es dann aufschlage, sind da so viele weiße Seiten, die ich mit möglichst viel Inhalt, treffenden Worten und regelmäßigen Tagesbeschreibungen füllen möchte.

Ganz zu Beginn des Jahres funktioniert das auch noch ganz gut, denn ich nehme mir jeden Abend bewusst Zeit für mein Notizbuch und mich und reflektiere den nun fast vergangenen Tag. Doch schon nach wenigen Tagen werden meine Notizen knapper und aus der geplanten Seite pro Tag wird nun eine halbe. Und dann kommt der Tag, an dem ich nur noch einen Anstandssatz hineinschreibe, um meinem Ziel noch nicht ganz untreu zu werden. Doch spätestens wenn der erste Infekt, ein zahnendes Kind oder andere Dinge des Alltags ‚dazwischen‘ kommen, vergesse ich den ersten Eintrag und denke überhaupt erst wieder am nächsten Tag an das Notizbuch, doch damit ist der Zauber eines lückenlosen Einfangens aller Jahrestage auch schon erloschen. Es ärgert mich, dass mein Notizbuchjahr nun schon wieder die erste Lücke hat, denn auch bei anderen Menschen bewundere ich immer wieder den Verlauf des steten Schreibens, liebe die Genauigkeit auch noch so kleiner Notate und habe schlicht ein Faible für das Lückenlose.

Ein lückenloses Jahr?

Doch Moment mal – ein Faible für das Lückenlose? Solch eine Phantasiewelt existiert doch wohl eher in Romanen, in denen knochenknarzende Leuchtturmwärter oder andere selbstgewählte Eremiten jeden Tag aufschreiben, wie das Wetter war, wann sie den ersten Tee getrunken haben oder welche Gedanken ihnen direkt nach dem Aufstehen zuflogen. Aber wohl nur die wenigsten dieser meist über 70jährigen Seebären haben vier kleine Kinder und daher werde ich mich auch 2020 wieder mir selbst gegenüber in Nachsicht üben und großen Mut zur Lücke beweisen: auf dem Papier, hier auf dem Blog, aber besonders auch da, wo es wirklich darauf ankommt, wenn man nicht komplett durchdrehen möchte – im echten Leben eben.

Dennoch werde ich weiterhin ein wenig sehnsuchtsvoll seufzen, wenn ich mir die Tage- und Notizbücher anderer anschaue, die mit so viel Liebe zum Detail gepflegt werden, die Zeichnungen und eingeklebte Bilder oder gar gepresste Blumen und andere sorgfältig aufbewahrte Fundstücke enthalten. Doch Schreiben – und ganz besonders das Schreiben in seiner persönlichsten Form – ist immer auch ein Spiegel für die Lebenssituation des Schreibenden und so steckt hinter jeder Lücke und hinter jedem fehlenden Tag in meinem Journal ein ganz besonders voller und intensiver Tag da draußen mit meinen vier liebsten Gründen und genau so muss das sein!

In diesem Sinne: auf einen großartigen Lückentext 2020!

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