Leben mal sechs

Wie ist es nun eigentlich, das Leben als Großfamilie mit vier Kindern, von denen drei noch recht klein sind? Das ist eine Frage, die ich mir ehrlich gesagt nie bewusst stelle, denn unser Leben ist für mich immer das, was der Tag gerade bringt und erfordert, und ich frage mich nie, wie irgendetwas hätte sein können. Manchmal, besonders in der Schwangerschaft mit dem vierten Kind, wurden wir gefragt, wie wir das eigentlich alles schaffen wollen, und die Antwort war meist: „Nun ja, so wie vorher eben auch.“ Das heißt auf keinen Fall, dass ich der Meinung bin, dass überhaupt irgendein Kind ‚nur so mitläuft‘, denn das ist kompletter Unsinn, da doch jedes Kind eigene Bedürfnisse hat und Nähe, Nahrung, Aufmerksamkeit, Schlaf und Schutz braucht und all das kostet selbstverständlich Zeit, die an anderer Stelle dann nicht mehr da ist. Gemeint habe ich damit, dass ich eine große Zuversicht hatte, dass wir in die Rolle der Vierfacheltern schon reinwachsen würden, denn so war es bisher immer. Jede Veränderung brachte neue Herausforderungen mit sich und es ging immer darum, auszuprobieren, sehr viel zu diskutieren (und auch zu streiten), wie etwas für uns funktionieren kann.

Wie lange Elternzeit?

Nach der Geburt unseres dritten Kindes bin ich bereits zwei Monate später wieder arbeiten gegangen und das war so gar keine gute Idee, denn wir hatten natürlich keine Betreuung, aber zwei Vollzeitjobs. Wir haben immer wieder aushandeln müssen, wer wann arbeitet, haben abends und am Wochenende am Rechner gesessen und Jan hat auch so manchen Job nicht angenommen, damit ich meine Sachen fertigbekam. Das war ebenso kräftezehrend wie frustrierend und uns war klar, dass wir das keinesfalls wiederholen möchten. Nun endet bald meine Elternzeit mit unserem vierten Kind, die Eingewöhnung startet kurz danach und noch bin ich nicht besonders enthusiastisch, denn wie gewöhne ich denn dieses wunderbare Mädchen – das noch dazu ziemlich menschenscheu ist, schließlich kennt sie aufgrund von Corona doch fast nur uns – daran, dass sie nun nicht mehr bei mir ist, sondern bei einer maskierten Erzieherin? Aber ganz so ist es ja nun nicht, denn die Frau hinter der Maske ist klasse und schließlich sind ja auch zwei ihrer Geschwister da – dieser Gedanke hilft mir, denn die Trennung fällt mir schon Wochen vorher irre schwer.

Das intensivste Familienjahr

Das letzte Jahr war sicher das intensivste Familienjahr, das wir je hatten, und das war manchmal sehr schön und an anderen Tagen hat es mich komplett wahnsinnig gemacht und ich wäre am liebsten ganz weit weggelaufen. Ich war so viel zu Hause und mein Bewegungsradius wurde immer kleiner. Reisen bzw. ‚was sehen‘ war immer das höchste Gut für mich und plötzlich war es ein Abenteuer, alleine in die Unibibliothek zu fahren. Das war und ist wirklich schwierig für mich und ich hatte eine Menge guter Dinge für 2020 geplant, zwei Fahrten nach Berlin, eine Reise nach Innsbruck zu einer Konferenz und der lang ersehnte Sommerurlaub in Dänemark. Diese Aussichten haben mich oft aufrecht gehalten, aber ihr ahnt das Ende vom Lied, denn dann kam Corona und ich habe viel Wald, aber keinen einzigen Fernzug von innen gesehen.

Zuhause war es eigentlich immerzu laut, chaotisch und fordernd und ich erinnere mich an keinen einzigen Abend, an dem Jan und ich nicht ziemlich erschöpft gewesen wären. Die Tage beginnen gegen 6 Uhr und nachdem wir die Kinder ins Bett gebracht haben, die Küche aufgeräumt, die Waschmaschine nochmal angeschmissen und durchgesaugt haben, ist es eigentlich immer schon halb zehn. Da wir aber unbedingt ein bisschen Zeit für uns haben wollen, bleiben wir zu lang auf, sind am nächsten Tag wieder müde und so geht’s dann weiter (und ich weiß, dass es wirklich vielen Eltern so geht). Die Kinder sind in den letzten Wochen noch viel enger miteinander geworden und das ist eine echt gute Folgeerscheinung der ansonsten ganz schön krassen Monate. Nicht so gut ist hingegen, dass ich Ruhe sehr mag und dass häufig drei Menschen gleichzeitig mit mir sprechen aka mich anschreien, und seit kurzer Zeit habe ich da eine etwas seltsame Taktik entwickelt: Wenn reden nicht mehr hilft, bzw. eh zu keinem durchdringt, dann singe ich. Laut und falsch, aber es beruhigt mich und verhindert (nicht immer), dass mir alles zu viel wird. Ich singe dann ausschließlich schreckliche Schlager, die meine Mutter früher beim Kochen vor sich hinschmetterte und wenn die Kinder „Die Fischerin vom Bodensee“ oder „Tanze mit mir in den Morgen“ hören, dann wissen sie: Obacht, die Mama dreht gleich am Rad.

Mutterroboter

Unser Familienleben zu sechst ist oft wunderschön und ich freue mich jeden Morgen über diese vier kleinen Menschen, die da gerade wach werden. Aber es ist ebenso fürchterlich monoton, wenn man jeden Morgen die gleiche Diskussion führt (AberdumusstZähneputzen, bitte ziehdeinesockenan, nein, esgibtheutekeinNutella), jeden Tag unendlich oft verhindert, dass der eine dem anderen das Holzschwert über den Kopf zieht und man das Gefühl hat, in einer Endlosschleife festzustecken und zu einem Mutterroboter mutiert scheint. Und wenn ich dann kurz davor bin, mich zu fragen, warum ich das hier eigentlich alles mache, unentwegt koche, aufräume und Gefühle begleite, anstatt schön an meinem Schreibtisch zu sitzen, ein Buch zu schreiben und mich am Abend mit einer Freundin zum Essen zu treffen, um unseren nächsten Wochenendtrip zu planen, dann passiert Folgendes: Erstens fällt mir ein, dass ja weiterhin Corona ist und selbst unbeschwerte Gedankenfluchten gerade schwierig sind. Und zweitens kommt dann einer von Vieren mit klebrigen Bananenhänden auf mich zu, legt kurz den Kopf auf mein Bein, putzt dabei ganz selbstvergessen die Hände an meiner Hose ab und zieht anschließend erleichtert in den nächsten Holzschwertkampf.

Die Antwort ist also ganz einfach: Weil zusammen zu sein, mit denen, die Du gemacht hast, weil ein Wunsch vor dem Gedanken kam, eine überaus erfüllende Sache ist – für mich aber nur, so lange es auch den Schreibtisch noch gibt, selbst als Fata Morgana.

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