Wiedersehen in Maine

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

„Worüber sie hätte schreiben wollen, das war das Licht im Februar. Das veränderte Aussehen, das es der Welt gab. […] Es war wie ein Spalt, der sich am Ende eines jeden Tages eine Spur weiter auftat, und das zusätzliche Licht fiel auf die nackten Zweige, und lockte. Es lockte, dieses Licht – was das allein schon hieß!“ (150)

In Elizabeth Strouts neuem Roman „Die langen Abende“ ist sie wieder da: Die einmalige Olive Kitteridge, wohnhaft in Maine, früher einmal Lehrerin, verheiratet mit dem Apotheker Henry und Mutter eines Sohnes, zu dem das Verhältnis nicht einfach ist. Doch vieles davon ist nun Vergangenheit, denn in Olives Leben hat ein neuer Abschnitt angefangen.

Olive wird älter und der Roman erzählt in großen Sprüngen vom Vergehen der Zeit und von den großen, wichtigen Wendepunkten im Leben ebenso wie von den kleinen Begegnungen und diesen ganz besonderen Momenten zwischen Menschen, die sich einen Augenblick lang wirklich nahe sind und sich im tiefsten Wortsinne verstehen. Trotz ihres zunehmenden Alters wird Olive nicht milde und ihre scharfe Zunge, ihr besonderer Starrsinn und ihr einzigartig unverstellter Blick auf die Welt bleiben ihr bis ins hohe Alter erhalten. Überhaupt, das Altern: Es hält so viele Überraschungen für Olive bereit, denn da warten doch tatsächlich noch Liebe, späte Versöhnungen und echte Freundschaft, auch, wenn man nach dem Hinfallen deutlich länger braucht, um wieder aufzustehen, oder gar die helfende Hand einer bis dahin fremden Frau annehmen muss.

Alte Bekannte

Auch in „Die langen Abende“ bleibt Strout ihrem sehr eigenen Erzählstil treu und entfaltet nach und nach die ineinander verwobenen Geschichten einer ganzen Reihe von Menschen, deren Leben unterschiedlich intensiv mit Olive verbunden ist. Manchmal sind es nur kleine Ausschnitte, die Strout zeigt, doch die meisten Figuren werden später noch einmal aufgegriffen und gewissermaßen ‚auserzählt‘.

Strouts Roman ist in sich geschlossen und man muss ihre anderen Bücher nicht gelesen haben, um dieses Buch großartig zu finden, aber wenn man ihre vorherigen Bücher (in Teilen) kennt, dann ist die Lektüre womöglich ein noch größeres Vergnügen, denn es tauchen einige alte Bekannte auf, die hier ganz unerwartet und leise wieder erscheinen und so manches Rätsel aus Romanen, die teils schon vor Jahrzehnten geschrieben wurden, wird nun hier gelüftet.

Elizabeth Strout ist es wieder einmal gelungen, mich komplett für ihre Figuren, ihre Art und Weise zu erzählen und ihre besondere Lebensklugheit einzunehmen, denn Olive ist und bleibt ein Unikat! Eine große Leseempfehlung also für „Die langen Abende“ – trotz des kitschigen Covers, das dem Roman in keiner Weise gerecht wird.

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Literaturverlag 2020. ISBN: 978-3-630-87529-3, 352 Seiten. Preis: 20,00 Euro.

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