Das passende Leben

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

Ich gebe zu: Bei diesem Buch war ich wirklich skeptisch! Ich hatte so viele Lobgesänge auf Sally Rooney gehört, es liefen große Werbekampagnen zur deutschsprachigen Veröffentlichung von „Normale Menschen“ und dann gibt es da ja auch bereits eine in Rekordzeit realisierte Serienfassung. Aber nun lag das Buch nun mal vor mir und ich fing an zu lesen…

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney ist wohl das, was man einen Shootingstar der Literaturszene nennt und immer dann, wenn ein Feuilleton schreibt, dass in einem Buch das Gefühl einer Generation erfasst werde, möchte ich es nicht lesen. Denn was interessiert mich das vermeintliche Gefühl von irgendeiner mir unbekannten Gruppe und wieso sollte überhaupt irgendein Mensch fühlen wie ein anderer? Ich mag diese Verallgemeinerungen wirklich gar nicht und befürchtete hier eine platte On-Off-Beziehungsgeschichte mit ewig langen Ausschweifungen und Ich-zentrierter Gedankenschwelgerei. Aber weit gefehlt!

Zunächst einmal ist Rooneys Sprache (in der Übersetzung durch Zoë Beck) sehr klar und präzise und es gibt keinen verborgenen Sinn oder doppelten Boden, sondern nur Marianne und Connell, zwischen denen natürlich gar nichts einfach ist. Zu Beginn leben die beiden in einer irischen Kleinstadt und besuchen dieselbe Schule, lernen sich aber überhaupt erst kennen, weil Connells Mutter den Haushalt von Mariannes seltsam verschrobener Familie führt und dort auch putzt. Connell ist klug, sportlich, attraktiv und dabei einfach ein sehr netter und anständiger Mensch, und genau das ist es, was ihn von vielen anderen unterscheidet und Marianne anzieht. Sie hingegen ist ganz anders: Marianne ist ebenfalls sehr klug, ihr Aussehen wird mal als apart und dann wieder als sehr schön beschrieben. Obwohl die junge Frau ganz sicher zu wissen scheint, wer sie ist und was sie will, hat sie schon früh mit einem großen Verlust umgehen müssen und Marianne spürt ihr Anderssein immer deutlicher. Doch zwischen den Beiden gibt es von Anfang an eine grundlegende Vertrautheit und die Überzeugung, sich dem anderen so zeigen zu können, wie man wirklich ist.

Aus dem Gleichgewicht geraten

Marianne und Connell sind verliebt ineinander, sind zusammen und dann wieder lange Zeit getrennt, aber sie bleiben Freunde und schreiben sich lange Emails, finden sich wieder und gehen auseinander. Erzählt wird in Kapiteln, die manchmal nur wenige Wochen, dann viele Monate auseinander liegen, aber ich habe die ganze Zeit mitgefiebert und immerzu gehofft, dass sie es beim nächsten Mal schaffen und einen Weg finden, wie zu zweit sein möglich ist. Das Großartige in „Normale Menschen“ ist, dass Marianne und Connell sich unaufhörlich entwickeln, und dabei verändert sich auch ihr Verhältnis immer wieder, gerät aus dem Gleichgewicht und sortiert sich neu. Insgesamt sind es vier Jahre, von denen Rooney erzählt, und am Ende des Romans bleiben jede Menge Fragezeichen, denn alles geht weiter und erscheint vielleicht schon am nächsten Tag ganz neu.

Für mich ist „Normale Menschen“ ein wirklich fantastisches Buch, weil es Sally Rooney bis zum Schluss gelingt, ganz unaufgeregt selbst von enormen Tiefs und menschlichen Abgründen zu erzählen, sodass ihre Figuren auch in Extremsituationen noch glaubwürdig sind. ‚Normal‘ ist dabei das Stichwort, denn eigentlich ist das doch eine Zuschreibung, die keiner mehr für sich in Anspruch nehmen will, da ‚normal‘ entweder maximal langweilig ist oder Einigkeit darüber besteht, dass es normal gar nicht geben kann. Rooneys ‚normal‘ ist daher kein Ideal der Mittelmäßigkeit oder des gesellschaftlich akzeptierten Lebenswandels, sondern es ist die Sehnsucht danach, herauszufinden, welches Leben einem selbst passen könnte und wie es gelingen kann, mit der Person, die man liebt, zusammen zu sein, ohne sich dabei von sich selbst zu entfernen.

Sally Rooney: Normale Menschen. Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Luchterhand 2020. ISBN: 978-3-630-87542-2, 320 Seiten. Preis: 20,00 Euro.

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