Alptraum Alltag? „Krawall und Kekse“ von Shirley Jackson

Schon nach den ersten Sätzen aus Shirley Jacksons „Krawall und Kekse“ dachte ich zweierlei: 1. Wieso kennt die Autorin mein Tagebuch? und 2. wie können diese Zeilen aus den 50er Jahren stammen und eine solche Aktualität besitzen?

Denn Jackson schreibt: „Unser Haus ist alt und laut und voll. Als wir einzogen, hatten wir zwei Kinder und rund fünftausend Bücher; ich schätze, wenn wir irgendwann aus allen Nähten platzen und ausziehen, werden wir zwanzig Kinder und locker eine halbe Million Bücher haben …“

Die Autorin Shirley Jackson

Die Autorin Shirley Jackson ist im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannt und wenn sich ihrer überhaupt erinnert wird, dann als Verfasserin von Schauerliteratur. Die Amerikanerin wurde 1916 geboren, war Mutter von vier Kindern und Schriftstellerin. Jackson schrieb ulkig-komische Kolumnen über das Leben als Mutter, da diese in Zeitschriften abgedruckt und verhältnismäßig gut bezahlt wurden. Finanzieren konnte sie damit nicht nur zu einem Gutteil ihre Familie, sondern auch ihre tatsächliche Leidenschaft: das literarische Schreiben von Texten, die wir heute dem Horrorgenre zuordnen.

Der hier nun in der Übersetzung von Nicole Seifert vorliegende Text „Krawall und Kekse“ lässt sich als Roman einer unterschwellig äußerst fortschrittlichen Mutter der 50er Jahre lesen und besteht zum Teil aus eben diesen Kolumnentexten, sodass wir es nicht mit Memoiren zu tun haben – weniger wahr wird das Geschilderte dadurch aber nicht.

Kleine und große Katastrophen

Jackson erzählt sehr witzig und charmant von all den kleinen und großen Katastrophen des Alltagslebens mit vielen Kindern, einem großen Haus und unendlich vielen Schüsseln Schokoladenpudding. Doch das ist eben nicht alles: manch eine Szene ist überspitzt und kippt um ins slapstickhafte und an anderer Stelle wird beim Lesen aus dem amüsierten Schmunzeln plötzlich ein hysterisches Lachen.

Denn das, was Jackson alles nicht erzählt, während sie sich sorgt und kümmert, kocht, näht und Hustensaft verabreicht und dabei selbst fiebernd von Raum zu Raum schleicht, das ist wohl das eigentlich Spannende. Es gibt so viele Leerstellen in „Krawall und Kekse“ und das, was verschwiegen und galant umschifft wird, ist nicht weniger als Jacksons Lebensthema: es ist der Konflikt zwischen schreibender (und Geld verdienender, denn wie gesagt: es sind die späten 40er und 50er Jahre) Frau und ihrem Leben als Mutter und es ist das, was sie selbst fühlt und denkt, wenn sie die eigenen Bedürfnisse mit einem Lächeln beiseite wischt.

Erwartungen anderer

Jacksons Erzählerin setzt sich zusammen aus dem, was sie für andere tut und spiegelt sich unaufhörlich in den Erwartungen und Sätzen derer, auf die sie reagiert und eingeht. Immer dort, wo es um ihr eigenes Erleben und Fühlen gehen müsste, folgt wieder ein Witz – selbst in Ausnahmesituationen wie der Geburt eines Kindes. Auch, wenn es zunächst paradox klingt: Genau das macht „Krawall und Kekse“ für mich zu einem Ausnahmetext, den ich unbedingt empfehlen möchte! Denn diese Erzählerin hält zwar stoisch die Stellung und funktioniert tadellos, aber ich weiß, dass sie wusste, dass all die an sie gestellten Anforderungen eine Farce waren (und sind!), denn unter der Oberfläche ihrer scheinbar lockeren Alltagsbeschreibungen brodelt es.

Shirley Jackson, so verstehe ich Nicole Seiferts sehr informatives Nachwort, schrieb übers Muttersein, um auch weiterhin in zwei Welten leben zu können – als Mutter/Ehefrau und als Schriftstellerin, die sich auf dem Papier mit all dem Bösen und Düsteren auseinander setzte, für das es bei Tage ebenso wenig Raum gab, wie für sie selbst. Ich hoffe sehr, dass bald weitere Werke Jacksons ins Deutsche übertragen werden und dass ihre Leser:innenschaft weiter wächst!

Shirley Jackson: Krawall und Kekse. Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Nicole Seifert. Arche Verlag 2022. ISBN: 978-3-7160-2816-2, 256 Seiten. Preis: 23,00 Euro.

P.S: Man mag mir Tipp- oder andere Flüchtigkeitsfehler hier verzeihen, denn während ich das schreibe (und ich muss schreiben, weil ich manchmal eben schreiben MUSS), tanzen drei Kinder (zu krank für Kita und Schule, aber zu Hause sehr fit) um mich herum und eins zupft mir am Ärmel…

Weitere Buchtipps von mir findet ihr hier.

Ein Interview mit der Autorin und Übersetzerin, Literaturwissenschaftlerin und Literaturbloggerin Nicole Seifert findet ihr zudem hier.

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