Grabesschwer und federleicht

(Werbung, da Rezensionsexemplare)

Auf meinem Bücherstapel treffen sich die unterschiedlichsten Schriftstellerinnen mit Autoren lang zurückliegender Zeiten, sodass ganz verschiedene Themen und Genres zusammen kommen. Letzte Woche beendete ich jedoch kurz hintereinander zwei Bücher, die sich ganz zentral mit dem Tod beschäftigen, dabei aber vollkommen unterschiedliche Blickwinkel wählen.

Alle Gesichter des Todes

Zuerst las ich Petre M. Andreevskis „Alle Gesichter des Todes“, eine Sammlung von neunzehn Geschichten aus dem Mazedonischen, die alle auf den Tod zusteuern oder in Worte fassen wollen, was unausweichlich erscheint. In Dörfern und bäuerlichen Gemeinschaften tauchen Soldaten auf, deren Tagesgeschäft das Töten geworden ist, während weitere Figuren dem Tod als Erlösung entgegenblicken und wiederum andere es mit übersinnlichen Vorkommnissen zu tun bekommen. So rau und geprägt von Entbehrungen der Alltag vieler Menschen in diesen Erzählungen auch sein mag, so ist er dennoch voller Wunder, die manchmal möglich machen, was eigentlich gar nicht sein kann. Trotzdem gibt es nicht viel Hoffnung in diesen Geschichten, in die immer etwas einbricht, was verheerend, böse und nicht selten der Mensch selbst ist.

So gibt es eine kurze Erzählung mit dem Titel „Maler“, in der ein Mann jedes Jahr im Frühling ein Selbstporträt malt, wofür seine Frau ihn verspottet. Doch der Mann hat einen bestimmten Grund, warum er diese Bilder anfertigt, die zu ihm sprechen und ihm zeigen, wie er wurde, was er ist. Seine Bilder fangen die Zeit ein und zeigen die Veränderungen des Mannes im Laufe seines Lebens. Am Ende der Geschichte ist der Mann bereits verstorben und im letzten Absatz schaut ein anderer die Bilder des Mannes an und stellt fest, dass das, was er da gemalt hat, im Grunde eine Chronik seines Sterbens ist.

Sehr beeindruckt hat mich auch die Erzählung mit dem Titel „Das verfluchte Haus“, in dem ein Ehepaar lebt, dem es deutlich besser geht als allen anderen Menschen in ihrem Umkreis, denn sie sind nicht arm und haben einiges mehr als das Nötigste. Doch auch sie vermissen etwas schmerzlich und das ist ein Kind, das ihnen bisher nicht vergönnt war. Der Stoff dieser Geschichte ist im Grunde einer, aus dem auch zahlreiche Varianten europäischer Märchen sind, denn der Kinderwunsch eines Paares ist oft der Ausgangspunkt für die im Anschluss einsetzende Ereigniskette. Doch bei Andreevski gibt es keinen Handel mit Zauberinnen oder vergleichbaren Figuren, stattdessen aber die Tragik einer ganzen Reihe von Schicksalen und es gibt den Tod, der im Hintergrund immerzu anwesend ist und stets zuletzt lacht.  

Der Schriftsteller Petre M. Andreevski hat mit „Alle Gesichter des Todes“ ein sehr eindrucksvolles Werk geschaffen, das ein von den Schrecken des 20. Jahrhunderts besonders gezeichnetes Land zeigt, in dem der Glaube an Magie ebenso real ist wie Gewalt, Armut und Finsternis. Ein gutes, aber auch sehr bedrückendes Buch, das mich besonders dann erschaudern lassen hat, wenn der Tod beinah nebenbei ins Zimmer tritt.  

Petre M. Andreevski: Alle Gesichter des Todes. Aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer. Mit einem Nachwort von Karl-Markus Gauß. Guggolz Verlag 2020. ISBN: 978-3-945370-27-8, 219 Seiten. Preis: 22,00 Euro.

Weiß

Die koreanische Schriftstellerin Han Kang hat ebenfalls ein Buch über den Tod geschrieben, aber ein ganz anderes. In „Weiß“ geht es um den Tod der Schwester der Erzählerin, die nur zwei Stunden gelebt hat, sodass Geburt und Tod äußerst nah beieinander liegen. Die Erzählerin befindet sich gerade in einer fremden Stadt in Europa und sie ist ganz bewusst an diesem Ort, um das Buch zu schreiben, das hier nun vorliegt.

Die Farbe Weiß weckt zumeist Assoziationen von Reinheit und Klarheit, aber sie ist auch ein Symbol der Trauer und wird in vielen asiatischen Ländern somit auch direkt mit dem Tod verbunden. Han Kang kreist ein, was damals geschehen ist, als ihre noch junge Mutter alleine zu Hause war und mit einem Mal viel zu früh in den Wehen lag. Das nächste Telefon und der Vater waren zu weit entfernt und so musste sie alleine durch den Schmerz und durch die alles verändernden Ereignisse der nächsten Stunden. Denn sie brachte ein Kind zur Welt, das nur ganz kurz trank und das dann immer stiller und stiller wurde, bis es schließlich an dem Ort, an dem es gerade erst zur Welt gekommen war, verstarb.

Die Erzählerin stellt sich eine ganze Reihe von Fragen und zergliedert dabei die Welt der weißen Dinge. Anschließend arrangiert sie sie neu und nimmt Reiskuchen, den Mond, Spitzenvorhänge und Wickeltücher, die zu Leichentüchern werden, hinzu, um sich anzunähern und zu begreifen, was damals geschah und welche Rolle diese nie kennengelernte Schwester in ihrem Leben spielt. Sie wechselt die Perspektive und lässt die Schwester durch ihre eigenen Augen auf diese für sie erschaffene, weiße Welt schauen und sie wiederholt die Worte der Mutter, die so traurig und so endgültig einsam für einen Abschied stehen: „Bitte stirb nicht. Lebe.“

Während Andreevski den Tod als tonnenschweren Begleiter allen Daseins präsentiert, ist mit Han Kangs „Weiß“ ein federleichtes Textgewebe voller poetischer Gleichnisse entstanden. Es ist ein kalter Hauch von einem Buch, denn in jeder Zeile steckt hier das Bewusstsein, dass die Vergangenheit unwiederbringlich vorbei ist, aber es gibt Hoffnung, weil die Literatur sie aufnehmen und auch aus dem traurigsten Gegenstand etwas Wunderschönes schaffen kann.

Han Kang: Weiß. Aus dem Koreanischen von Ki_Hyang Lee. Aufbau Verlag 2020. ISBN: 978-3-351-03722-2, 151 Seiten. Preis: 20,00 Euro.

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