Wenn der Westwind kommt…

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

Es ist das Jahr 1491 und das kleine englische Dorf Oakham bekommt es mit einem mysteriösen Unglücksfall zu tun. In Oakham ist das Leben einfach und die Menschen haben nicht viel, im Winter sogar oft nur das Allernötigste und ein Apfel ist eine wahre Kostbarkeit. Es gibt noch nicht einmal eine Brücke über den naheliegenden Fluss, der zu einem wichtigen Fixpunkt in Samantha Harveys Roman „Westwind“ wird.

Vermisst und für sehr wahrscheinlich tot gehalten wird Thomas Newman, der wohlhabendste Mann des Dorfes, der im Leben vieler anderer Menschen eine wichtige Rolle gespielt hat. Erzählt wird die gesamte Geschichte aus der Perspektive des Priesters John Reve, bei dem alle Lebensfäden der Dorfbewohner zusammenlaufen, denn Reve nimmt mehrmals täglich die Beichte ab und weiß daher Dinge, die sonst nur im Verborgenen geschehen und von denen höchstens flüsternd berichtet wird. Dabei ist Reve ein wirklich sympathischer Mann Gottes, dem ebenso viel an den Menschen, für die er sich verantwortlich fühlt, gelegen ist, wie an seinem Glauben.

Werden die Masken fallen?

Doch in manchen Momenten, da verändert sich die Welt, wie wir sie kennen. Der kalte Ostwind weht immer heftiger und bringt hervor, was der Fluss verbergen wollte und die Menschen werden sonderbar, ja sie verwandeln sich. Es wird getrunken, getanzt und gefeiert und plötzlich ist nicht mehr klar, wer hier eigentlich wer ist, denn die Dorfbewohner tragen Masken und wissen auch darunter noch so manches Geheimnis zu verbergen. Erst wenn der milde Westwind aufzieht, den Reve so ersehnt, werden auch die letzten Masken fallen.

„Westwind“ enthüllt langsam, aber stetig, worum es in diesem spannenden und atmosphärisch dichten Roman eigentlich geht und das gelingt Harvey mit narrativer Raffinesse: erzählt wird nämlich rückwärts, sodass wir als Leserinnen und Leser immer näher an den entscheidenden Tag heranrücken, indem wir stückchenweise mehr von der Vergangenheit und den Hintergründen erfahren. Priester Reve bekommt es derweil nicht nur mit seinen teils sehr unruhig gewordenen ‚Schäfchen‘ zu tun, sondern auch mit dem Dekan, der extra ins Dorf gereist ist, um den für Newmans Verschwinden Verantwortlichen zu finden und seiner Strafe zuzuführen.

Harveys Roman ist eine gelungene Mischung aus Historiendrama, Kriminal- und Gesellschaftsroman, der ganz hervorragend für lange Leseabende im Herbst geeignet ist. Und nebenbei bemerkt: Ist das nicht eins der schönsten Buchcover überhaupt?

Für Leserinnen und Leser von: Umberto Eco, Daniel Kehlmann und David Guterson

Samantha Harvey: Westwind. Roman. Aus dem Englischen von Steffen Jacobs. Atrium Verlag 2020. ISBN: 978-3-85535-077-3, 383 Seiten. Preis: 22,00 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.