Großfamilie leben: Elisabeths Alltag mit zehn Kindern

Heute möchte ich euch eine Frau vorstellen, deren Alltag und Struktur ich nur bewundern kann: Denn Elisabeth ist Mutter von neun Kindern und Pflegemutter eines Babys in der Bereitschaftspflege. Wie es dazu kam und wie sie ihr Leben meistert, lest ihr in diesem ausführlichen Interview:

Liebe Elisabeth,

Du bist Mutter von neun Kindern, hast ein Pflegekind bei Dir aufgenommen und bist als Stillberaterin tätig. Wie oft fragt man Dich: „Wie schaffst Du das alles?“?

Ja, das kommt tatsächlich oft und ich mag die Frage so gar nicht, denn meistens empfinde ich dann irgendwie einen Rechtfertigungsdruck, weil ich den Alltag mit 9+1 Kindern (von denen drei schon zum Studieren ausgezogen sind) gut hinkriege und andere vielleicht mit 2 oder 3 Kindern sehr belastet sind. Und dabei bin ja fest überzeugt, dass jede Frau und jede Familie da einfach ihre eigene ideale Kinderzahl oder ihren idealen Lebensentwurf findet und auch dass verschiedene Menschen eben verschiedene Energievorräte zur Verfügung haben. Für mich bzw. uns kann ich nur sagen, dass es genauso passt, wir es uns genauso gewünscht haben und ich im Alltag wirklich gut zurechtkomme und das Organisieren und Planen und Jonglieren sehr gerne mache.

Könntest Du uns einen kleinen Einblick in Deinen Alltag gewähren? Wie sieht denn bei euch so ein ganz ‚normaler‘ Wochentag vom Ablauf her aus?

An Schultagen klingelt mein Wecker um 5.30 Uhr. Ich darf als erstes und in Ruhe ins Bad, während mein Mann die Spülmaschine ausräumt und Tee und Kaffee kocht. Danach richte ich das Frühstück und die Brotdosen für die 5 Schulkinder, das Kindergartenkind wird komplett in der Kita verpflegt. Die Kinder wecke ich um 6.30 Uhr, berate dann bei der Wahl der Kleidung für den Tag und flechte mindestens 3 Kindern Zöpfe bzw. mache Frisuren. Die Schulkinder verlassen mit meinem Mann um kurz nach 7 Uhr das Haus. Meist wacht dann erst das Baby auf, das ich anziehe und für den Tag fertig mache und füttere, in der Zeit spielt das Kindergartenkind noch sehr gerne ein bisschen allein.

Ist der Kleinste fertig fahren wir in den Kindergarten. Am Rückweg erledigen das Baby und ich oft noch einen kleinen Einkauf, oder fahren gleich weiter, falls ein Termin oder eine Erledigung in der Stadt ansteht. An 1-2 Tagen pro Woche haben wir auch Termine, die das Pflegekind betreffen, die ich versuche auf die Vormittage zu legen.

Wenn wir wieder zu Hause sind steht der Haushalt an. Jeden Tag eine große Runde durchs Haus, aufräumen, saugen, Betten machen, Wäsche anstellen, aufhängen, verräumen, auch mal in einem Stockwerk Fenster putzen oder die Küche etc. Der Kleinste turnt dabei entweder neben mir her oder wenn er einen nicht so gnädigen Tag hat, ist er auch schon mal in der Trage auf meinem Rücken dabei. Im Anschluss frühstücke ich und der Kleine nimmt noch einen Snack ein und geht dann sein Vormittags-/Mittagsschläfchen halten. In dieser Zeit koche ich und erledige alle Arbeiten (und auch Telefonate), die mit einem Kleinkind eher schwierig zu erledigen sind.

Wenn irgend möglich gönne ich mir in der Schlafenszeit des Kleinen auch immer eine kurze Pause, lese ein paar Seiten oder trinke in Ruhe einen Tee oder schaffe vielleicht eine kurze Yoga-Einheit. Gegen 14 Uhr brechen wir beide dann wieder auf zur Abholung am Kindergarten. Ein Teil der Schulkinder kommt in meiner Abwesenheit nach Hause, immer die jüngeren in Begleitung mindestens eines älteren Geschwisters. Sie essen dann schon mal zu Mittag und fangen mit den Hausaufgaben an bis ich kurz darauf vom Kindergarten zurück bin. Die Nachmittage nach den Hausaufgaben bestehen eigentlich immer aus Spaziergängen in der Natur oder spielen und toben im Garten, immer begleitet von einem Picknick, wenn wir keine Termine haben.

Um 18 Uhr hören wir die Kirchenglocken der benachbarten Kirche, das ist das Zeichen zum Aufräumen und Duschen gehen. Während die Kinder duschen, richte ich das Abendessen, das Baby immer dabei, das wir gegen 18.30 Uhr gemeinsam einnehmen, oft ist auch mein Mann dann schon da, aber nicht jeden Tag. Danach geht es für die drei jüngeren zum Zähneputzen und Schulranzen einräumen.

Dann gibt es noch eine Geschichte, vorgelesen vom Papa. Anschließend ist der Tag gegen 19.30 zu Ende.

Das Baby bringe ich während der Geschichte ins Bett. Die größeren Kinder machen dann oft noch Hausaufgaben oder lesen oder telefonieren oder … Ich räume noch einmal durchs ganze Haus, bereite evtl. noch etwas für den nächsten Tag vor und wenn kein Elternabend oder sonstiger Abendtermin ansteht, „sinke“ ich um 20.30 Uhr auf die Couch mit einem Buch oder einem Tee um mit meinem Mann den Tag oder auch die nächsten Tage zu besprechen.

Mein Tag endet meist gegen 22 Uhr. Und diese letzte Stunde des Tages in Ruhe und ja, ohne Kinder, ist mir heilig, die brauche ich, um Kraft zu schöpfen für den nächsten Tag.

Ich kann mir vorstellen, dass bestimmte Strukturen und Routinen sehr wichtig sind, um so eine große Familie unter einen Hut zu bekommen. Was findest Du persönlich daran schwierig?

Als meine ältesten Kinder klein waren, fielen mir die Strukturen viel schwerer. Mit der Zeit hat sich ein Apparat entwickelt, der mich sehr unterstützt. Sicher auch nicht jedermanns Sache, aber für mich sind ein Wochenspeiseplan, der Großeinkauf immer am Samstag ganz früh, ein Helferplan in dem jedes Kind ab dem Schulalter gemäß seinem Alter eine Aufgabe zugewiesen bekommt (die wir immer am Ende der Sommerferien in einer Familienkonferenz neu festlegen) usw. sehr hilfreich und unterstützend. Schwer ist oft eher der Spagat zwischen den Großen und den Kleinen, die Balance, dass keiner zu viel Rücksicht nehmen muss und auch mal wirklich nur seins machen darf.

Wie sahen denn Deine Lebenspläne vor rund 20 Jahren aus: Hast Du Dir (bzw. habt ihr euch) schon immer so viele Kinder gewünscht oder kam das erst mit der Zeit?

Mein Mann und ich haben uns Anfang 20 kennengelernt, damals wollte ich 4 Kinder, er 7… nun wir haben 9 😉 und ja, wir konnten uns beide schon immer eine große Familie vorstellen. Aber die Entscheidung, dass es nach einem Kind noch ein weiteres geben soll/darf, hat sich dann wirklich nach und nach ergeben. Es war einfach mit jedem Kind noch ein bisschen schöner und noch ein bisschen vollständiger.

Wie hast Du die Zeiten von Schwangerschaft und Geburt erlebt? Das ist ja alles noch deutlich fordernder, wenn andere Kinder einen auch brauchen.

Ich litt leider in 7 von 8 Schwangerschaften bis ca. zur 25. SSW unter Hyperemesis gravidarum (einer sehr schweren Form von Schwangerschaftsübelkeit). Diese Zeiten waren eine echte Herausforderung für die ganze Familie. Ich hatte in einigen Schwangerschaften eine Haushaltshilfe, was uns wirklich gerettet hat, v. a. bei der Schwangerschaft mit den Zwillingen. Dadurch war ich im Haushalt entlastet und konnte mich auf die Kinder konzentrieren. Nach der Phase der Hyperemesis ging es mir bis zum Schluss immer gut. Meine Energie war zurück und ich habe dann diese besonderen Zeiten sehr genossen. Mein Mann und ich sind gerade in diesen oft herausfordernden Zeiten noch mehr zusammengewachsen.

Magst Du von Deinen Geburten erzählen? Du hast verschiedene Erfahrungen an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Geburtsmodi gemacht…

Ich durfte mit meinen 9 Kindern wirklich viele Erfahrungen sammeln. Kind 1 kam in einer kleinen Klinik mit Belegarzt zur Welt, ich war total überrumpelt als 10 Tage nach ET die Wehen endlich begannen bzw. noch zusätzlich eingeleitet wurden – keine schöne Erfahrung. Kind 2 wurde aus dieser Erfahrung heraus im Geburtshaus geboren, es war eine lange, aber wirklich schöne Geburt, die mich sehr mit der ersten Geburtserfahrung versöhnt hat. Bei Kind 3 liebäugelte ich schon sehr mit einer Hausgeburt, bin dann aber doch nochmal im Geburtshaus gelandet mit einer Traumhebamme hatten wir eine wunderschöne ganz ruhige Geburt.

Kind 4 wurde dann wirklich zu Hause geboren und das ist die schönste Erfahrung, die ich in meinem Leben machen durfte und genauso ist auch dieses Kind, in sich ruhend und so sehr in ihrer Mitte. Ganz klar wünschten wir uns wieder eine Hausgeburt für Kind 5, da ich aber in dieser Schwangerschaft mit einem Nierenstau zu kämpfen hatte entschied die Hebamme an 37+0 einzuleiten. Leider vertrug ich das Medikament auch in der geringen Dosierung nicht und nach einem Wehensturm mit Dauerkontraktionen hatte ich eine starke Blutung und wir verlegten ins Krankenhaus, wo auf meinen Wunsch hin ein Kaiserschnitt vorgenommen wurde. Ich hatte das alarmierende Gefühl, dass keine Zeit bliebe, um auf den Fortgang der natürlichen Geburt zu warten.

Bei der OP bestätigte sich meine Vermutung: eine Plazenta-Ablösung, die am Ultraschall nicht zu sehen gewesen war, denn das Baby hatte die Blutung sozusagen abgedeckt. Wir haben die Geburt beide gut überstanden, wenn auch mit großem Blutverlust. Ich bin bis heute dankbar, dass die Ärzte sich mein Bauchgefühl zu Herzen genommen und sofort gehandelt haben.

Drei Jahre später trauten wir uns Kind 6 zu und ich visierte wieder eine Hausgeburt an. Lange nach dem Termin stellte sich mein bis dato größtes Baby leider absolut nicht ins Becken ein, sondern lag eher schräg im Bauch. Nach einer Einleitung im Krankenhaus war leider nochmal ein Kaiserschnitt nötig.

Danach dachten wir vollständig zu sein, aber der Wunsch nach einem 7. Kind wurde immer lauter und so begrüßten wird fast 4 Jahre nach Kind 6 unsere Zwillingsmädchen ebenfalls per Kaiserschnitt. Damit ging ein Kindheitstraum für mich in Erfüllung, denn neben vielen Kindern hatte ich mir auch immer Zwillinge gewünscht. Unsere Jüngste, Kind Nr. 9, war dann vor knapp 6 Jahren unser kleines Wunder und das Sahnehäubchen, wie wir gern sagen. Sie kam mit einer Kaisergeburt auf die Welt, die wirklich sehr besonders war und mich mit dem wiederholten Kaiserschnitt versöhnt hat.

Du bist auch Mutter eines Pflegekindes – wie kam es dazu?

Dass wir Babys in Bereitschaftspflege aufnehmen, ist die Summe vieler Dinge.

Im Laufe der Jahre tauchte der Gedanke immer wieder auf, ich informierte mich und als unsere Jüngste 2,5 Jahre alt war rief ich beim Jugendamt an und bat um ein Infogespräch…. das nahm dann seinen Lauf und in der langen über ein Jahr dauernden Überprüfung erwogen wir immer wieder das Für und Wider und entschieden uns schließlich aus ganzem Herzen dafür Babys ein Zuhause auf Zeit zu bieten. Ich finde, gerade in einer Großfamilie sind wir in der Lage einem kleinen Menschlein ein Nest zu bieten. Bisher würde ich sagen ist das Konzept voll aufgegangen.

Und wie schaffst Du es damit umzugehen, dass die Zeit der Pflege irgendwann endet?

Ja, dieser Punkt liegt uns noch bevor und es wird uns das Herz brechen, das Kindlein ziehen zu lassen. Aber die Freude über ihn und eine tolle Entwicklung überwiegen. Dazu kommt, dass wir ihn ja mit der Prämisse aufgenommen haben, dass es vorübergehend sein wird. Auch wenn ich diese Aufgabe als Berufung sehe, gibt es auch die Job-Seite und die ist klar definiert. Wir werden alles dafür tun, dass der Übergang für ihn so gut wie möglich verläuft und wir wissen, er hat bei uns einen Rucksack voll mit Liebe und Vertrauen und Beständigkeit bekommen – der bleibt ihm auch für seinen weiteren Weg. Das ist ein Trost.

Möchtest Du anschließend weitere Pflegekinder bei euch aufnehmen?

Ja, ich möchte, nach einer Pause wieder ein Pflegebaby bei uns aufnehmen. Auch als Familie haben wir uns schon jetzt dafür entschieden.

Last but not least: Du hast Medizin studiert, arbeitest als Stillberaterin – man kann also schon festhalten, dass Schwangerschaft und Geburt Themen sind, die Dich auch weit über das Private hinaus begleiten und faszinieren, oder?

Ja und das eigentlich schon immer. Ich habe schon mit 16 als Ferienschülerin im Krankenhaus auf der Entbindungsstation und im Kreißsaal gearbeitet bzw. Praktika gemacht. Eine Schwester meinte damals zu mir ich solle mir keine Geburt „anschauen“, sonst sei ich womöglich so abgeschreckt, dass ich später keine Kinder bekommen möchte. Ich bin noch heute entsetzt über diese Aussage.

Jedenfalls passierte das Gegenteil als ich mit 16 bei der ersten Geburt dabei sein durfte. Ich war beseelt und überwältigt und war mir sicher, dass es das wundervollste und großartigste ist, was man erleben kann. Ich sah sehr wohl die Schmerzen der Frau, die kaum aushaltbar schienen, aber ich sah vor allem auch das Strahlen in ihren Augen, als sie ihr Kind zum ersten Mal im Arm hielt.

Mein Ziel im Studium war schon zu Beginn auf jeden Fall Gynäkologin und Geburtshelferin zu werden. Ich habe jede freie Minute in der Frauenklinik verbracht und bin bis heute fasziniert.

Mein Weg war dann aber einer auf der anderen Seite… ich war die, die in den Wehen lag und die Kinder bekommen hat, und das war leider irgendwann mit meinem Wunsch auch als Ärztin Karriere zu machen nicht mehr vereinbar. Zumindest nicht in der Art und Weise, wie ich für meine Kinder da sein wollte bzw. mit der Größe der Familie, die wir uns wünschten. Und so bin ich keine Gynäkologin geworden und habe mein Studium auch nicht vollends beendet. Heute bin ich damit im Reinen, auch wenn es nicht immer leicht war.

Ich habe dann eine Ausbildung zur Elternberaterin und zur Stillberaterin gemacht. Ich betreue und begleite Frauen im Wochenbett und der Kleinkindzeit, hatte immer wieder auch eine Stillgruppe und habe in einer Praxis mitgearbeitet. Heute sehe ich meinen Fokus neben meiner großen Familie auf der Bereitschaftspflege und ich glaube meine Tätigkeit profitiert sehr von all den Erfahrungen, die ich machen durfte.

Liebe Elisabeth, ich danke Dir sehr für Deine Offenheit und dieses tolle Interview! Mehr Interviews mit tollen Frauen gibt es hier…

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