Von unbekannter Bellesse

Sandra Newmans „Ice Cream Star“ ist ein großartiges Buch

(Werbung, da Rezensionsexemplar)

Die Vereinigten Staaten von Amerika, irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft: Unzählige Kriege und eine Pandemie haben dafür gesorgt, dass die Welt eine andere geworden ist. Die Menschen, die überhaupt noch am Leben sind, werden nicht alt, denn sie sterben meist noch bevor sie zwanzig sind an einer Krankheit namens Posies. Dieses Schicksal und die wenige Zeit, die ihnen auf Erden bleibt, sind der Motor für das Handeln einer ganz außergewöhnlichen Heldin, die die New York Times einen Frodo Beutlin unserer Zeit genannt hat. Die Rede ist von der titelgebenden Ice Cream Star, einer jungen Sengle-Frau und Schwester ihres Anführers Driver. Die Sengles sind eine Gruppe von Kindern, die den Massawald bewohnen, und die dementsprechend sehr naturverbunden leben, jagen und wildern.

Auch Driver ist bereits an Posies erkrankt und obwohl er lange zu verbergen sucht, wie schlecht es um ihn steht, ist seine Schwester in großer Sorge und wird fortan mit aller Kraft versuchen, an ein Gegenmittel zu gelangen. Doch zwischen Ice Cream Star und dem Medikament, das ihren Bruder und sie selbst, ja vielleicht sogar alle Kinder retten könnte, liegen nahezu unüberwindliche Hürden und es existieren gleich mehrere verfeindete Gruppen, die sich Ice Cream Star in den Weg stellen. Es ist zudem ungewiss, ob das ersehnte Mittel überhaupt existiert, oder ob all die Gerüchte nur eine Lüge sind, um Ice Cream Star und ihre Sengles aus den Wäldern zu locken und sie an einen weit entfernten Ort zu bringen, an dem schon viele Male über das Schicksal ganzer Länder und unzähliger Menschen entschieden wurde. Die Zukunft hält für Ice Cream Star nämlich Großes bereit, auch wenn ihr Weg dabei voller Verluste sein wird.

Sandra Newmans Roman ist so ein Buch, das man irgendwann mit müde gelesenen Augen weglegt, um es nur ein paar Minuten später dann doch wieder zur Hand zu nehmen, weil man einfach weiterlesen muss. Im Mittelpunkt steht dabei klar die unvergessliche Ice Cream Star, die ich mitnichten für einen Hobbit halte, sondern viel eher für eine unbeugsame Katniss Everdeen. (Die Verfilmung der Geschichte von Ice Cream Star ist eigentlich ein Muss.)

Eine eigene Sprache

Neben der aufregend erzählten Handlung ist es die Sprache, die dieses Buch so besonders macht, denn das, was mir hier in der deutschen Übersetzung durch Milena Adam vorliegt, ist nicht weniger als grandios: Erzählt wird nämlich in einer eigenen Kunstsprache, die während des Lesens einen richtigen Sog, ja einen ganz bestimmten Sound entwickelt und immer, wenn ich an Ice Cream Star denke, dann tue ich das in ihren Worten und bin damit auch sofort wieder Teil der erzählten Welt, die so ihren Anfang nimmt:

„Ich bin Ice Cream Fünfzehn Star. Mein Bruder ist Driver Achtzehn Star, und mein Geisterbruder ist Mo-Jacques Fünf Star, tot, als ichselber erst sechs war. Immer noch ist mein Herz Regen für ihn, mein Bruder, der klein an Posies gestorben is. Meine Mutter und meine Urgroßen und meine Ururgroßen warn reine Sengles. Unsere Leute sind ne teerige Nachtart, lang und dünn. Mein Bruder Driver klettert nur mit den Händen auf Bäume, weil unsere Knochen so leicht sind und die Muskeln maßlos stark. Wir fliegen wie Libellen überm Wasser, wir kämpfen wie zehn Knarren und sehn prächtig aus. Andere Kinder werden verrückt und unberechenbar für unsere Liebe. Wir Sengles sind ne wanderne Art.“

Die Sprache des Romans gibt wieder, in welchen Begriffen Ice Cream Star denkt und spricht, und so ist man als Leserin ganz unmittelbar nah dran an ihren Entscheidungen, ihrem Erleben und ihren manchmal gefährlichen Gefühlen, die oft fast zu groß erscheinen für so ein junges Leben, das doch immer vor Augen hat, wie früh es aller Wahrscheinlichkeit nach enden wird. Keinesfalls ist es dabei so, dass Newmans/Adams Sprache das Lesen erschweren würde, im Gegenteil: Es gibt Ausdrücke und Wortneuschöpfungen die so treffend erscheinen, dass der Kern der Dinge überhaupt erst durch diese spezielle Wortwahl zu Tage tritt und man ist schon nach wenigen Seiten sehr vertraut mit dem gewählten Thema.

Der Motor allen Handelns

Die Welt von Ice Cream Star ist brutal und gewalttätig, aber sie ist nicht frei von Wärme und Solidarität. Auch wenn kaum noch etwas übrig ist von ‚unserer‘ westlichen Zivilisation ist der Motor allen ehrenwerten Handelns die Liebe und das ist so schlicht wie schön.

„Ice Cream Star“ von Sandra Newman wird mich in Gedanken noch lange weiter beschäftigen und dank der brillanten Übersetzung von Milena Adam ist diese große Geschichte für mich jetzt schon ein Buch des Jahres, von dem ich immer wieder erzählen werde – auch, damit ich selbst mich noch einmal zurückerinnern und ein Stück dieses Buches wiedererleben kann, das uns ganz nebenbei auch noch zeigt, dass es die Sprache ist, die unsere Welt formt.

Sandra Newman: Ice Cream Star. Aus dem Englischen von Milena Adam.

Matthes & Seitz Berlin 2019, 667 Seiten.

ISBN: 978-3-95757-766-5, Preis: 28,00 Euro

Hier geht es zur Verlagsseite des Buches.

2 comments Add yours
  1. Danke für die Vorstellung eines Buches zu dem ich sonst vielleicht nie gegriffen hätte. Ich bin auf jeden Fall angefixt und würde am liebsten sofort loslaufen und es kaufen!

    1. Hallo Kristina, ich danke Dir für Dein Feedback, denn es freut mich ungemein, wenn ich jemanden für diesen tollen Titel begeistern kann. Es ist wirklich außergewöhnlich gut. Erzähl gerne mal, wie es Dir gefallen hat, ja?
      Herzliche Grüße, Simone

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