Das Leichte, so schwer. Woche eins

Ein neuer Tag. Die Kinder wachen gewohnt früh auf und sind guter Dinge. Ich würde (wie immer) noch gerne länger liegen bleiben und brauche erstmal Kaffee, bevor ich in den Tag starten kann. Doch direkt im zweiten Schritt gelten meine Gedanken nicht den Dingen des Tages, nicht irgendwelchen Planungen oder To-Dos, sondern meinem Handy und den neuesten Nachrichten. Wir frühstücken und dann beginnt ein weiterer Tag, den wir in Haus und Garten verbringen werden, ein Tag, der in seinen besten Momenten ganz einfach wie ein Sonntag ist. Doch es sind keine Ferien und keiner hat frei, denn unsere Köpfe sind voll. Leichtigkeit ist für mich gerade das Schwerste, denn mein Kopf ist besetzt mit Fragen, Zweifeln und Sorgen und manchmal auch mit Angst. Die Nachrichten aus Italien lassen mich nicht los und immer wieder kehren meine Gedanken zurück zu den Menschen in Bergamo und zu LKWs, die in der Nacht all die vielen Särge abtransportieren.

Unsere Tage sind unrealistisch und seltsam, denn während wir mit den Kindern lachen, spielen und basteln, wissen wir auf viele ihrer Fragen keine Antwort: Wann können wir uns mit unseren Freunden treffen? Kommt die Oma uns bald besuchen? Können wir demnächst schwimmen gehen? Aber nach Dänemark fahren wir im Sommer doch trotzdem, oder?

Auf all das, wissen wir nicht wirklich die richtigen Antworten, und der Blick in den Kalender spiegelt meine eigene Ratlosigkeit: Dort, wo sich sonst Arbeits- und Freizeittermine ballen, wo Ausflüge und Verabredungen geplant werden, herrscht gähnende Leere. In den guten Momenten denke ich an all die Dinge, die ich endlich in Ordnung bringen kann: Ich kann meine offiziellen Unterlagen abheften, Klamotten aussortieren, die Besteckschublade sauber machen und wieder und wieder all unsere Schuhe putzen, doch bei all dem wäre es schön, wenn wir in zehn oder in vierzehn Tagen erfahren, dass die Kurve tatsächlich abflacht und sich weniger Menschen anstecken. Und es wäre eine große Erleichterung, wenn wir mehr über die geplanten Finanzhilfen für Solo-Selbständige und Freiberufler wüssten, denn davon hängt für uns ebenfalls so einiges ab. Überhaupt sind Solo-Selbständige, systemrelevante Personen, immunsupprimiert, Risikopatient, experimentelle Ausbreitung, Ausgangssperre, Rezession und Reisewarnung Worte, die ich vorher teils nicht kannte und die jetzt ganz selbstverständlich durch meinen Lesetag wandern.

Reisepläne für den Sommer?

Ich bin übrigens gerne zu Hause, kann auf Menschen oft verzichten, auf Menschenansammlungen sowieso immer. Ich lese, schreibe, gucke Serien und wenn meine Kinder und mein Mann da sind und wir alle gesund bleiben, dann ist meine Welt in Ordnung. Das Problem ist, dass die Welt da draußen es nicht mehr ist und ich mache mir Sorgen darüber, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Werden wir tatsächlich nach den Osterferien wieder sorglos im Park spazieren gehen, die Kinder bedenkenlos auf den Spielplatz lassen, uns ein Eis kaufen und Reisepläne für den Sommer schmieden? Das glaube ich nicht.

Die Welt wird eine andere sein, da bin ich nunmehr sicher, und es ist wohl so, wie es mit Katastrophen stets der Fall ist: vorbereitet waren wir nicht und so langsam, immer noch sehr langsam und längst nicht allumfassend, begreife ich, was das noch alles heißen könnte. Und dann basteln wir schnell irgendwas mit ganz viel Glitzer, machen die Musik sehr laut oder backen zuckersüßen Kuchen, denn gerade wir Eltern müssen die Köpfe jetzt hochhalten, damit der Laden weiterläuft und unsere Kinder auch in ein paar Wochen noch fröhlich in den Tag starten werden.

Aber dann…

Aber dann, wenn es vorbei ist oder wenn es eine hoffentlich lange Pause macht, dann werden die Tage lang und die Nächte noch länger sein. Wir werden nicht auf die Uhr sehen und keine Listen schreiben, denn wir werden tagelang feiern und es so machen, wie unsere Kinder es gern jeden Tag täten: Wir schlafen erst dann, wenn wir wirklich müde sind, wir essen und trinken, wir spielen, lachen und tragen niemals Socken. Jacken brauchen wir auch nicht, das Telefon schaut keiner mehr an, denn alle, die wir lieben und gern haben, kommen zu uns in den Garten. Claus Kleber macht lange Ferien mit Anne Will und Alexander Drosten wird Gesundheitsminister, weil alle das wollen. Wir hören Musik und wir machen Musik, wir trinken kalte Getränke mit Eiswürfeln drin und die klebrigen Pfoten der Kinder dürfen bleiben, wie sie sind. Wir umarmen all die, die wir lange nur an Bildschirmen gesehen haben und wir sind verdammt froh, dass wir nochmal davongekommen sind. Wir danken all denen, die das möglich gemacht haben; wir vergessen den Schrecken nicht und denken uns neu.

2 comments Add yours
  1. Ich unterschreibe das genauso. Meine Gedanken schweifen immer wieder ab in die Ungewissheit der nächsten Wochen, zwischen Bastelarbeiten mit den Kindern, vorgelesen Büchern und Spaziergängen. Eigentlich eine schöne Zeit mit den Kindern, die es noch sorglos annehmen und in den Tag hineinleben. Meine Aufgabe sind nur die 5, aber genießen fällt schwer….
    Zusehr überfällt mich zwischendurch Schwermut und mittlerweile auch beigemischte Angst.

    1. Du bist so großartig – „Meine Aufgabe sind nur die 5“. Du wuppst täglich so viel, da würden eine ganze Menge Leute längst kapitulieren. Wir werden das natürlich hinkriegen, aber es ist wirklich ganz schön schwer manchmal. Lg, Simone

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