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Familie I Reisen I Geschichten

Drei Romane über Wunschkinder, Waldgeburten und ganz viel Einsamkeit

Simone, 30. September 202122. Oktober 2021

(Werbung, da Rezensionsexemplare)

Im Spätsommer trafen bei mir drei Neuerscheinungen ein, die nicht wenig gemeinsam haben: Sie erzählen von Müttern oder vom Wunsch eine zu werden. Es geht um die Schwierigkeiten, die mit dem Muttersein einhergehen können und zugleich um noch sehr viel mehr: um die Frage nach dem passenden Leben, um Beziehungen und Abhängigkeiten, um Wahrnehmung und ums Schreiben selbst.

Die Romane stammen alle von deutschsprachigen Schriftstellerinnen, zwei sind Debüts, aber nur einen von ihnen kann ich ganz enthusiastisch empfehlen.

Schreie & Flüstern

In Lisa Kreißlers Roman „Schreie & Flüstern“ steht ein Umzug bevor: Die Schriftstellerin Vera, der Maler Claus und ihr gemeinsamer Sohn Siggi ziehen von Leipzig aus aufs Land. Es verschlägt die junge Familie mitten in die niedersächsische Provinz, denn Claus hat von seinen Eltern eine große Summe Geld erhalten. Sie kaufen einen alten Hof, aus dem ein Lebens- und Arbeitsraum für die beiden Künstler und ein Zuhause für Siggi werden soll. Doch Vera kommt zunächst nicht richtig dort an. Sie vermisst ihre Freunde und das Stadtleben und auch aus ihrem Wunsch, erneut schwanger zu werden, wird zunächst nichts.

Seltsam fremd

Ich habe „Schreie & Flüstern“ auf keinen Fall ungern gelesen, aber so richtig warm bin ich mit dem Buch nicht geworden. Selbstverständlich muss ich eine literarische Figur nicht mögen, um ein Buch gut zu finden, aber in diesem Fall blieb Vera mir seltsam fremd und ich habe nicht verstanden, was sie tut, was sie denkt oder was sie eigentlich möchte.

Irgendetwas hat mir da gefehlt, an anderer Stelle war es mir hingegen zu viel: Denn Vera wird schwanger werden und damit geht eine große Veränderung einher, weil sie nun immer mehr in dem Zustand ankommt, den sie herbeigesehnt hat. Was ich dann aber schwer verdauen konnte, war die mythisch überhöhte Verbindung von Natur und Geburt und die damit verbundene Abwesenheit des Bewusstseins, denn Vera erlebt eine ganz andere Geburt als Claus. Das ist mit Sicherheit immer der Fall, wenn Gebärende und ihre Begleiter:innen von Geburt sprechen, aber mir ging dieses gedankliche Entfernen im Prozess der Geburt zu weit und es passte auch nicht wirklich zu der sonst doch sehr nüchternen niedersächsischen Realität.

Was ich in „Schreie und Flüstern“ aber ganz großartig fand, waren die Nebenfiguren, die mir als sehr lebendig und authentisch im Gedächtnis geblieben sind. Die Beziehung von Vera zu ihren Eltern ist sehr gut eingefangen, das Gespräch mit der Mutter über den sterbenden Hund ist noch besser und die Positionen von Veras Oma und der Brief ihres Bruders sind absolute Höhepunkte! Hier gibt Kreißler ihren so treffenden Beobachtungen eine ganz präzise sprachliche Form und erfasst auf wenigen Seiten, was diese Figuren in ihrem innersten ausmacht, was sie sich (noch) vom Leben wünschen würden und was sie fürchten.

Insgesamt ein Buch, mit dem ich nicht ganz fertig bin, weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass das auch für den Roman selbst gilt, den ich für nicht ganz rund, aber keineswegs für nicht interessant halte.

Lisa Kreißler: Schreie & Flüstern. Mairisch Verlag 2021. ISBN: 978-3-948722-10-4, 224 Seiten. 20,00 Euro.

Mama

Auch in Jessica Linds Debütroman „Mama“ gibt es eine starke Verbindung von Natur (konkret von Bäumen bzw. dem Wald) und Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt. Hier habe ich genau das aber nicht als störend, sondern als überaus passend empfunden, weil der Roman in jeder Hinsicht ganz anders angelegt ist als „Schreie & Flüstern“.

Im Mittelpunkt steht Amira, die sich mit Josef gemeinsam ein Kind wünscht. Als wir die beiden kennenlernen, befinden sie sich gerade für eine kurze Auszeit in einer Hütte im Wald, die Josefs Familie schon seit langer Zeit gehört. Diese Hütte ist der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, denn hier laufen alle Fäden aus Vergangenheit, Zukunft, Traum- und Anderswelt zusammen.

Wenn Amira nachts aus dem Fenster schaut, dann scheint der Wald zurückzublicken und als sie sich aufmacht, um die Umgebung zu erkunden, verschieben sich Entfernungen und auch die Zeit gerät aus dem Takt. Amira wünscht sich ein Kind und plötzlich ist da eins, es sitzt im Wald auf einer Lichtung und spielt mit einer Pflanze, die giftig sein könnte. Wo ist es hergekommen und in welcher Beziehung steht Amira zu dem Kind? Taucht die große Hündin, mit der Amira eine Rechnung offen hat, nun auch wieder auf und wo ist Josef auf einmal abgeblieben?

Wahn, Horror, Haushofer

Jessica Lind erzählt in „Mama“ nicht einfach nur eine Geschichte und erst recht keine klar lineare, denn es gibt immer wieder Brüche und Unsicherheiten im Fortgang des Geschehens, sodass wir als Leser:innen der Erzählerin nicht recht trauen können. Doch traut sie sich eigentlich selbst? Oder lesen wir hier von einem Wahn, der sich zu steigern beginnt? „Mama“ hat durchaus Elemente der Horrorliteratur, aber diese werden subtil und sehr wohl dosiert eingesetzt.

Beklemmend ist dieser Roman aber allemal und besonders im letzten Drittel fühlte ich mich deutlich an Marlen Haushofers „Die Wand“ erinnert – sozusagen in einer zeitgemäßen literarischen Weiterverarbeitung des Abgeschnittenseins, die auch von der Einsamkeit einer Mutter und den Erfahrungen immergleicher Tage zu erzählen vermag. Dabei baut sich enorm viel Spannung auf, denn von Seite zu Seite wird die Stimmung bedrohlicher.

Ich bin sehr begeistert von diesem höchst literarischen Roman, der mich stimmungsvoll in seinen Bann gezogen hat und den ich euch absolut empfehlen kann!

Jessica Lind: Mama. Kremayr & Scheriau 2021. ISBN: 978-3-218-01280-5, 192 Seiten. Preis: 20,00 Euro.

Der leere Platz

Marlen ist der Name von Marion Karausches Protagonistin in ihrem ersten Roman „Der leere Platz“. Marlen lebt gemeinsam mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Marokko und ist mit diesem Leben vollauf zufrieden. Sie hat keine wirklichen Sorgen, der Familie geht es gut und da sie wohlhabend sind, kümmert sich Hauspersonal um die lästigen Pflichten des Alltags, sodass Marlen ihre Hobbies und sozialen Kontakten pflegen kann. Doch dann verändert sich Kai, der Sohn und das ältere Kind der Familie, zusehends. Marlen, die immer überaus gern Mutter war, dringt plötzlich kaum mehr zu ihm durch und fühlt eine so nie dagewesene Hilflosigkeit. Mit der Zeit spitzt Kais Situation sich mehr und mehr zu und Marlens schlimmste Befürchtungen bewahrheiten sich.

Krankheit und Beziehung

Marion Karausche hat ein Buch über ein heftiges Thema geschrieben, denn Kai ist sehr krank und ihm zu helfen wird zu einer beinah unmöglichen Aufgabe. Im Mittelpunkt steht dabei Marlens Blick auf Kai und die Beziehung zu ihrem Sohn, die so viel Raum in Marlens Leben einnimmt, dass ihr Mann und die Tochter nur noch am Rande Gehör finden.

Die Darstellung von Kais Krankheit hat mich überzeugt und auch die Rückblicke auf Marlens Leben sind ebenso spannend wie aufschlussreich: Ihr Leben war nämlich nie so einfach, wie es zu Beginn den Eindruck erweckte. Die Herausforderungen, denen Marlen sich nun stellen muss, sind enorm und es scheint fast so, als gäbe es für sie nie ein ‚zu viel‘.

Marlen funktioniert und bis auf einen kleinen Nervenzusammenbruch während des Telefonats mit einer Bekannten gesteht sie sich nicht ein, wie hart das, was sie durchmacht, eigentlich wirklich ist. Während der Lektüre habe ich Marlen bewundert, mit ihr gebangt, aber dann wollte ich sie schütteln und aufwecken, denn das, was sie erlebt, ist furchtbar und auch die Geschichte ihrer Eltern und ihrer Geschwister ist voller Tragödien, die hier manchmal so hingeschrieben werden, als wäre all das eben der Lauf der Dinge.

„Der leere Platz“ ist ein Buch mit einem wichtigen Thema und mit einer Heldin, die genau das wohl nie sein wollte. Sprachlich hat der Roman mir aber zu viele Passagen mit ordentlich Pathos. Etwa hier: „Sie würde nie frei sein. Sie war nicht für die Freiheit geschaffen. In den Fesseln ihrer Abhängigkeit fand sie die Geborgenheit, der sie seit jeher nachstellte.“ (142)

„Fesseln ihrer Abhängigkeit“ ist schon starker Tobak und leider ist auch Marlens Selbstbild voll von Stereotypen à la netter Ehefrau und glücklicher Mutter. Das ist schade, denn das Thema des Romans ist gewaltig und interessant, weshalb ich mir sprachlich mehr Deutlichkeit und Schärfe gewünscht hätte.

Marion Karausche: Der leere Platz. Kein & Aber 2021. ISBN: 978-3-0369-5851-4, 272 Seiten. Preis: 22,00 Euro.

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